Ein unerwarteter Nikolaus

Verschlafen blinzelte sie durch die halb geöffneten Augen und suchte die Leuchtziffern ihres Uhrenradios. Es war erst zwei Uhr dreiundzwanzig. Innerlich atmete sie auf. Sie konnte noch vier Stunden schlafen. Plötzlich durchzuckte etwas ihren schlaftrunkenen Körper. Sie riss die Augen auf und hielt unwillkürlich den Atem an. Mit einem Schlag war sie hellwach. Hinter sich vernahm sie tiefe, regelmäßige Atemzüge. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Verzweifelt überlegte sie, ob sich in der unmittelbaren Umgebung ihres Bettes ein Baseballschläger, Hammer oder ein Nudelholz befanden. Natürlich bewahrte sie Utensilien dieser Art woanders auf, nämlich dort, wo sie hingehörten. Sie ballte ihre linke Hand zur Faust, rückte leise und lautlos an die Kante ihres Bettes und knipste entschlossen die Nachttischlampe an. Mit einem Ruck drehte sie sich um, ballte beide Hände fest zur Faust, bereit, ihr Leben bis aufs Letzte zu verteidigen. Im schwachen Schein der Nachttischlampe blickte sie in ein schlafendes Männergesicht.

Dunkle verwuschelte Haare schauten keck unter der Bettdecke hervor. Ein jungenhaftes Gesicht mit einem braunen Vollbart schlief den Schlaf der Gerechten. Sie knipste die Nachttischlampe wieder aus, bevor der ungebetene Gast in ihrem Bett etwas merkte, und kletterte leise aus dem Bett. Sie schlich aus dem Schlafzimmer, zog die Tür geräuschlos zu und schloss sie ab. Sie atmete aus und merkte, wie ihr der Schweiß am ganzen Körper herunterrann. Leise schlich sie in die Küche, nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, zündete sich eine Zigarette an und versuchte, ihre wirren Gedanken zu ordnen.

Wie kam ein fremder Mann in ihre Single-Wohnung und sogar in ihr Bett? ‚Ich muss die Polizei rufen’, war der erste klare Gedanke, den sie fassen konnte. Schon hatte sie das Telefon in der Hand, legte es aber sogleich wieder auf den Tisch zurück. Ein Einbrecher hätte sie bestohlen, gefesselt oder sie gar umgebracht, aber sich nicht zu ihr ins Bett gelegt. Die Polizei würde ihr kaum glauben, dass ein Einbrecher in ihrem Bett lag und in tiefstem Schlaf versunken war. Sie beschloss, die Situation alleine zu klären. In einer Küchenschublade lag eine Dose Pfefferspray, in einer anderen ein schweres Nudelholz. Mit dem Nötigsten bewaffnet, untersuchte sie die Eingangstür im Flur, die ordnungsgemäß verschlossen war. Die Fenster in der Wohnung waren alle verschlossen. Sie begriff nicht, wie der Kerl in ihre Wohnung gekommen war!? Sie schloss die Schlafzimmertür leise auf, postierte sich in gebührendem Abstand vor dem Bett und schrie: „Raus hier, sonst rufe ich die Polizei!“ Der fremde Mann saß plötzlich aufrecht im Bett. Während ihre Augen sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt hatten, schien er deutliche Orientierungsschwierigkeiten zu haben. „Nein, bitte nicht, ich kann Ihnen alles erklären!“ Seine Stimme klang flehentlich, fast verzweifelt. Das war kein Einbrecher. Wieder Frau der Lage knipste sie die Schlafzimmerlampe an und schaute ihm fest ins Gesicht.

„Wer sind Sie und wer hat Ihnen erlaubt, sich ungefragt in mein Bett zu legen?“ Der Fremde saß aufrecht im Bett, zog sich das Deckbett verschämt bis zum Kinn über seinen scheinbar nackten Körper und bat sie um einen Morgenmantel, da er nichts anhabe. „Sie rühren sich keinen Zentimeter aus dem Bett, solange ich nicht weiß, wer Sie sind und wie Sie hereingekommen sind.“ „Ich bin der Nikolaus“, antwortete er zaghaft. „Sie sind … wer?“ Sie glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. „Ich bin für eine Agentur unterwegs und fülle Nikolausstiefel vor Wohnungstüren. Als ich in Ihre Straße einbog, fing es plötzlich fürchterlich an zu regnen und ich war kurzum nass bis auf die Haut.“ „Als Nächstes werden Sie mir weismachen, im Himmel sei Jahrmarkt. Ich rufe besser die Polizei, denen können Sie Ihre Märchen erzählen.“ „Bitte warten Sie. In Ihrem Badezimmer hängen meine Kleider über der Heizung. Ihr Badezimmerfenster war einen Spalt weit offen und von dort bin ich auch rein gekommen. Eine Kleinigkeit, es zu öffnen und hinein zu klettern. Die Lichter in Ihrem Fenster waren so einladend, der Tannenduft und der Geruch nach gebackenen Keksen in Ihrer Wohnung so verlockend. Ich fror und fühlte plötzlich eine bleierne Müdigkeit und so bin ich zu Ihnen ins Bett gekrochen. Ich wollte mich nur ein wenig aufwärmen und ein wenig ausruhen und ganz leise wieder verschwinden. Sie hätten nichts gemerkt.“

So eine wirre und unglaubliche Geschichte hatte ihr noch niemand erzählt. Der Mann in ihrem Bett war um die dreißig, hatte leuchtend blaue Augen und einen dichten dunklen Wuschelkopf. „Rühren Sie sich keinen Zentimeter von der Stelle.“ Sie schloss ihn erneut im Schlafzimmer ein, ging ins Bad – und tatsächlich hing ein rotes Nikolauskostüm fein säuberlich über der Heizung. Der volle weiße Bart, vom Regen durchtränkt, lag über dem Badewannenrand und seine feuchten Schuhe standen ordentlich nebeneinandergestellt neben der Badewanne. Der Regen prasselte gegen ihre Fensterscheibe.

Lag in den letzten Tagen noch alles unter einer tiefen Schneedecke, so riss der strömende Regen die weiße Pracht unerbittlich mit sich und verwandelte sie in eine weißgraue Flüssigkeit. Bei diesem Wetter würde man nicht mal einen Hund vor die Tür jagen. Alle Angst war von ihr abgefallen, im Gegenteil, die Situation war urkomisch und belustigte sie. Ob ihr jemand diese Geschichte glauben würde? Sie nahm ihren dunkelroten Frotteebademantel vom Haken, suchte im Flur nach ein paar dicken Socken und ging ins Schlafzimmer zurück. „Ziehen Sie sich etwas an. In der Zwischenzeit koche ich Ihnen einen heißen Tee.“ Sie warf ihm die Sachen aufs Bett und ging in die Küche. Der Duft von Kräutertee zog wohlriechend durch die Küche, als sich der Nikolaus an den Tisch setzte und nach einem Lebkuchen griff.

„Ich heiße übrigens Klaus.“ „Und ich Ina.“ Ina setzte sich zu ihm an den Tisch und goss ihm und sich eine Tasse heißen Tee ein. „Ihre Sachen sind noch nicht trocken. So können sie die nicht anziehen.“ „Ich muss aber weiter, ich habe noch viele Stiefel zu füllen. Wenn ich das nicht mache, wird mich die Agentur nicht bezahlen. Und ich brauche das Geld dringend, ich bin Student.“ „Ich werde Ihre Kleider in den Wäschetrockner stecken und bei kleiner Temperatur dürfte alles in einer Stunde trocken sein. Solange können wir aber noch schlafen.“ „Eine gute Idee“, antwortete der Nikolaus erleichtert.

Eingekuschelt in Inas dunkelroten Frotteebademantel schlief Klaus sofort wieder ein. Als Inas Wecker klingelte, war er bereits weg. Auf dem Küchentisch lag eine Schachtel Merci-Schokolade, daneben fand sie einen Zettel.

„Mein rettender Engel,

ich möchte dich unbedingt wiedersehen.

Danke für alles.

Ich rufe dich heute Abend an.

Dein Nikolaus.

© G.B. 2011

 Anmerkung:

Diese Geschichte entstand nach einer Nachrichtenschlagzeile: „Nackter kriecht in fremdes Bett“ im vergangenen Jahr

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30 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena, was für eine wunderschöne Nikolaus-Geschichte.
    Also doch aus dem Leben gegriffen. Danke für das Vergnügen, diese Story lesen zu dürfen.
    Morgen soll es schneien, und wir müssen ins nördliche Münsterland.
    Das wird wieder anstrengend werden.
    Nun ja, eine gute Tat ist selten ohne Anstrengung, lach.
    Ganz liebe Grüße an dich ♥
    deine Bärbel

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  2. @all:

    Ich hoffe, der Nikolaus hat euch heute reich beschenkt und euch allen einen angenehmen Tag bereitet 🙂 .
    Nun wünsche ich euch einen angenehmen Freitag und einen guten, aber gefahrlosen Rutsch ins wohlverdiente Wochenende.

    Wir lesen uns 😉 .
    Mit spätabendlichen Grüßen
    Anna-Lena

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