Von Giftmischern und Parkhäusern

Erinnert Ihr Euch an den Giftmischer, der im vergangenen Jahr auf den Berliner Weihnachtsmärkten sein Unwesen trieb? Er bat Besuchern kostenlos  alkoholische Getränke an, denen eine Art k.o.-Tropfen beigemischt waren.  Dreizehn Menschen litten damals an Übelkeit, Krampfanfällen und weiteren Beschwerden und mussten zum Teil in Krankenhäusern behandelt werden.
Bis heute konnte der 40-45jährige Mann nicht gefasst werden. Ob er es wieder versuchen wird?
Damals schrieb ich eine Geschichte, deren Personen rein fiktiv sind…..

***********

Sie traute ihren Augen kaum. „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“,

entfuhr es ihr, lauter, als sie es beabsichtigt hatte. Sie drehte sich um,

doch niemand schien ihren Worten eine Bedeutung zu schenken. Sie

eilte an den Notknopf und schilderte über einen kleinen Lautsprecher

ihr Problem. Fassungslos musste sie sich anhören, dass es der

Stimme am anderen Ende der Leitung zwar leidtäte, sie ihr aber auch

nicht helfen könne und sie knapp sechzig Euro bezahlen müsse, um

ihr Auto auszulösen. Sie eilte los, fest entschlossen, ihr Schicksal

selbst in die Hand zu nehmen.

Vor zwei Tagen hatte sie, einem spontanen Impuls folgend, den

Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz besucht. Vorher hatte sie

ihren schwarzen Corsa im Parkhaus an der Nürnberger Straße, gleich

in der ersten Etage auf einem für Frauen ausgewiesenen Parkplatz

abgestellt und war guter Dinge zum Weihnachtsmarkt gelaufen. Sie

erfreute sich an einem heißen Glühwein, aß einen Bratapfel und

frisch geröstete Mandeln und wollte schon fast wieder den Heimweg

antreten, als ein gut aussehender Mann sie ansprach und sie in

ein Gespräch verwickelte. Er wirkte sympathisch und offen, und nie

wäre sie auf den Gedanken gekommen, ihm inmitten der vielen

Menschen zu misstrauen. Er konnte sie zu einer Currywurst überreden,

und nachdem sie satt und zufrieden war, spendierte er ihr einen

Kräuterlikör in einer kleinen Flasche.

„Auf ein schönes Weihnachtsfest!“ Er hatte den Verschluss seines

Fläschchens bereits abgeschraubt und hielt seine Flasche hoch.

„Pling“, machte es kurz, als beide Fläschchen gegeneinanderstießen.

Das tat gut! So ein Kräuterlikör räumte den Magen sicher richtig auf.

Sie bedankte sich für seine nette Begleitung und trat, gut gelaunt,

den Rückweg an.

Plötzlich drehte sich alles um sie herum. Krämpfe durchschüttelten

ihren Körper, ihr wurde abwechselnd heiß und kalt und an mehr

konnte sie sich nicht erinnern. Als sie die Augen aufschlug, blickte sie

in das freundliche Gesicht einer Ordensschwester.

„Wo bin ich?“, fragte sie mit kaum hörbarer Stimme.

„Im Krankenhaus. Bleiben Sie ganz ruhig liegen, bald geht es Ihnen

wieder gut.“

„Was ist passiert?“ Fragend blickte sie in die Augen der Schwester.

„Sie waren ohnmächtig, als Sie hier ankamen. Wir haben Ihnen den

Magen ausgepumpt, denn da war etwas drin, das er gar nicht bekömmlich

fand. Ich bin übrigens Schwester Theodora, die Oberin des

Franziskus-Krankenhauses, in das man Sie sofort gebracht hat. Und

wenn es Ihnen wieder besser geht, werden Sie mir sicher verraten,

wer Sie sind und an was Sie sich erinnern können.“

„Bestimmt“, murmelte sie und schlief bereits wieder ein.

Sie hatte das Gefühl wochenlang geschlafen zu haben. Der klopfende

Kopfschmerz hinter ihren Schläfen hatte sich gelegt, der Magen

schien noch ein wenig zu rebellieren, aber sie fühlte sich schon wieder

ganz passabel. Schwester Theodora wollte sie jedoch noch einen

Tag zur Beobachtung im Krankenhaus behalten. Die Erinnerung kam

nur in kleinen Fetzen. Weihnachtsmarkt, der nette Mann, mit dem

sie sich unterhalten hatte, der Likör und dann … Filmriss. Schwester

Theodora riet ihr ernsthaft, eine Anzeige bei der Kriminalpolizei zu

erstatten, denn wie man bereits wusste, war ein Giftmischer auf den

Weihnachtsmärkten unterwegs und vergiftete Menschen.

„Es sieht ganz danach aus, als seien Sie eines seiner Opfer. Versuchen

Sie sich zu erinnern, ob Sie ihn beschreiben können. Die Polizei

ist sehr daran interessiert, bevor er noch anderen Menschen schaden

kann.“

Sie strengte sich an und konnte der Polizei, die Schwester Theodora

eigens für sie gerufen hatte, detaillierte Auskünfte geben. Als ihr das

Ausmaß dieses Anschlages bewusst wurde, wollte sie nur noch eins,

nach Hause, in ihre eigenen vier Wände und schlafen, nichts als

schlafen … Nun stand sie im Parkhaus und glaubte kaum, was ihr da

widerfahren war. Eine Parksumme, die horrender nicht sein konnte

und eine Lautsprecherstimme, die keinerlei Mitgefühl zeigte. Der

Frauenparkplatz war gleich in der ersten Etage. Sie fand sehr schnell

zwei kräftige junge Burschen, die bereit waren, für einen anständigen

Obolus die Ausfahrschranke auszuhebeln und ihre eine freie Fahrt

nach Hause zu ermöglichen.

© G.B. 2011

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22 Kommentare

  1. Ups, manchmal hat man auch Aussetzer OHNE Mittelchen… Ich kenne dieses Blog nämlich gar nicht…
    Bildungslücke. Hab ich sofort abonniert!

    Ich kann mich gut an deine Geschichte erinnern…
    Die muss doch auf deinem anderen Blog gewesen sein oder bin ich jetzt tüdelig?
    Eine Sauerei hoch³ und ich kann nur hoffen es passiert dieses Jahr nicht dasselbe
    und wenn doch, nur so werden sie diesen Mistkerl bekommen können.

    Guten Start in die neue Woche wünscht dir ♥-lich
    kkk

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  2. Ich finde es schon faszinierend, wie du aus einem Geschehen eine Geschichte weiterspinnen kannst! Da stelle ich mir vor, das fließt dir einfach aus der Hand und du musst gar nicht lange darüber nachdenken!

    Um auf das Geschehen auf dem Weihnachtsmarkt zurückzukommen: Hoffen wir, dass derjenige das endlich eingestellt hat. Was sich bloß dahinter verbergen mag?

    Lieben Gruß, Brigitte

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  3. Sehr eindringlich, deine Geschichte, liebe Anna-Lena ..und gibt enorm zu denken! …ich finde, die solltest du in der Zeitung veröffentlichen können, damit so viele Leute wie möglich sie lesen können, grad auch im Raum Berlin – wobei so etwas sicher auch in anderen Städten passieren kann..also gut aufpassen..

    Liebe Abendgrüße an dich,
    Ocean

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    • Liebe Ocean,

      die Zeitungen gehen durch das Internet immer mehr zurück, so einfach lassen sich Geschichten nicht mehr über Zeitungen veröffentlichen. Dafür aber gibt es Blogs und Bücher 🙂 .
      Die Berliner Bevölkerung ist gewarnt, ich denke, so leicht fällt niemand mehr darauf rein.
      Außerdem hat mir meine Mutter früh beigebracht, mich nicht von fremden Männern ansprechen zu lassen 😆

      Liebe Grüße zu dir 😉

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  4. Es geht auch, wenn jemand gaaanz langsam durch die Schranke fährt, dann kann man sofort hinterher.
    Ist uns mal passiert, ich hatte bezahlt, doch konnte die Karte nicht erkannt werden. Ein Herr, der gerade rauswollte, erklärte uns, wie wir uns zu verhalten hätten, und es hat geklappt.

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