Zu spät

Fröstelnd zog sie sich ihre dicke Strickjacke enger um die Schultern und zog die angewinkelten Beine auf dem Sofa näher an sich heran. Im Kamin loderte ein wärmendes Feuer, die Flammen tanzten vergnügt hin und her, als wollten sie sie aufheitern. Die Botschaft kam nicht an, ebensowenig  wie die Wärme aus dem Kamin ihr Innerstes erreichte.

Sie spürte nur Kälte und Leere. Ihr ausdrucksloser Blick wanderte durch den weitläufigen Wohnraum. Eine einzige Grünpflanze zierte ihn. Die Einrichtung war eher spartanisch, zweckmäßig, in grau und weiß gehalten. In der angrenzenden Küche ein ähnliches Bild, sauber und ordentlich, nichts außer ein paar Küchengeräten wie Toaster und Kaffeemaschine standen herum. Nur eine Schale mit Obst ließ darauf schließen, dass hier jemand lebte.

Bis vor vierundzwanzig Stunden sah ihre Welt noch ganz anders aus. Seitdem die Tür vor wenigen Minuten ins Schloss gefallen  und er mit zwei Koffern gegangen war, hatte sie eine eigenartige Starre erfasst. Sie wollte schreien und weinen zugleich, sie konnte nicht. Sie konnte sich noch nicht einmal richtig bewegen.

Zehn  Jahre Ehe waren mit dem Zuschnappen der Tür beendet, einfach so.

Sie hatten am Ende des Studiums geheiratet, es war in ihrem Freundeskreis gerade ‚in’ gewesen zu heiraten. Sie, die frisch gebackene Juristin, er, der angehende Chirurg, beide besessen von einer steilen Karriere, die sie mit harter Arbeit auch erreichten.

Ihre Anwaltskanzlei lief vorbildlich, ihre Erfolgsquote war beneidenswert. Er war Chefarzt in einer  Klinik geworden und sein exzellenter Ruf hatte sich längst bis ins Ausland verbreitet. Ärztekongresse und Vortragsreisen waren seine Leidenschaft neben der Arbeit in der Klinik

Die ersten Jahre ihrer Ehe waren glücklich trotz der vielen Arbeit. Zweimal im Jahr gönnten sie sich eine längere Urlaubsreise ins Ausland. Sie bauten ein Haus, in dem eine fünfköpfige Familie hinreichend Platz gehabt hätte.

Aber das Haus war und blieb still. Das Leben fehlte.  Die Putzfrau hielt es in Ordnung, der Gärtner pflegte den Garten, alles war pikobello, zweckmäßig und praktisch.

Sie wollten beide Kinder haben. In jedem Urlaub träumten sie davon, wie wunderbar es wäre, wenn helle Kinderstimmen durchs Haus hallten, wo im Garten ein Sandkasten, eine Schaukel oder ein Swimmingpool angelegt werden könnte.

Die Jahre vergingen, die Arbeit fraß sie beide auf. Manchmal sahen sie sich tagelang nicht.

Erst am Wochenende hatten sie etwas Zeit für sich.

Monat um Monat verging. Die Träume blieben. Nie war es der richtige Zeitpunkt. Und so vergingen die Jahre, bis es für ein Kind schon fast zu spät war.

Vor lauter Karriere hatten sie sich und ihre Wünsche beinahe vergessen. Vergessen? Oder waren sie  inzwischen einander so fremd geworden, dass auch die Wünsche in Vergessenheit geraten waren?

Sie dachte sich nichts dabei, als seine Nachtdienste immer häufiger wurden. Sie hatte immer viel zu tun und verbrachte immer mehr Zeit abends in der Kanzlei, arbeitete bis in die Nacht und blieb nicht selten  bis zum nächsten Morgen da, wenn er in der Klinik war.  Die Kanzlei war zu einer Art Zweitwohnung geworden, wie sein Arbeitszimmer, wenn er Nachtdienst hatte.

Sie gönnte ihm seinen Erfolg und war stolz auf ihn. Aber sie konnte ihm auch nicht nachstehen. So setzte sie alles daran, in ihrem Beruf ebenso erfolgreich zu sein wie er. Als regelmäßig Artikel von ihr in diversen Juristenmagazinen erschienen, hatte sie für sich den Punkt gefunden, sich zurückzulehnen.

Nun war sie bereit, an ein Kind zu denken. Sie war neununddreißig, es wurde Zeit.

Gestern Abend hatte sie ihn zu einem Essen in einem sündhaft teuren Restaurant eingeladen. Er würde sich sicher freuen, schließlich hatten sie sich immer Kinder gewünscht.

Erwartungsvoll schaute sie ihm entgegen, als er kam. Sie war beim Friseur, zur Kosmetik und hatte sich extra einen neuen Hosenanzug für dieses Essen gekauft. Ob er es bemerken würde?

„Ich muss mit dir reden“, schaute er sie ernst an. „Ich mit dir auch“, gab sie lächelnd zurück, „fang du an.“

Er suchte nach Worten. „Ich ziehe aus.“                                                                                             Sie starrte ihn an, seine Worte trafen sie wie ein Paukenschlag. „Warum?“

„Weil ich endlich leben möchte. Ich will dir nicht weh tun, aber ich möchte endlich eine Familie haben.“

„Genau darüber wollte ich heute mit dir sprechen. Wir sollten anfangen, unsere Träume zu verwirklichen. Wir haben gearbeitet, Karriere gemacht, wir haben Geld und nun sollten wir daran denken, eine richtige Familie zu gründen.“

„Das habe ich getan und dazu will ich nun auch ganz offiziell stehen.“

„Ich verstehe nicht…?“

„Es gibt da jemanden. Fast hätte ich den Zug verpasst, aber sie hat mich wach gerüttelt. Sie hat mir gezeigt, was es heißt zu leben und zu lieben. Ich bin gestern Vater geworden. Sie und mein Sohn brauchen mich.“

Sie starrte ihn an, war unfähig, nur ein Wort zu sagen.

‚Zu spät! Du hast deine Chance vertan’ war der einzige Gedanke, der in ihrem Kopf  wie ein Presslufthammer hämmerte, zu spät.

„Es tut mir Leid. Aber ich kann an deiner Seite nicht mehr atmen. Morgen hole ich meine Sachen.“

Mit diesen Worten stand er auf und ging, ohne ein weiteres Wort und ohne sich noch einmal umzudrehen.

c/ G.B.

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21 Kommentare

  1. es klingt wie in einem Film, das Ende einer Beziehung, in der nur noch die Karrieren wichtig waren, Wohlstand und Erfolg.
    Du hast es gut umgesetzt, der eine bemerkt, daß er mit diesen Dingen alleine nicht lebt, sondern nur existiert und er sucht sich das fehlende Leben an der anderen Stelle, bei der Warmherzigkeit, die sich ihm zuwendet, als er sie braucht.
    Ein knallharter Schluß, aber gut vorstellbar.

    Einen lieben nächtlichen Gruß von Bruni

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