Neues aus dem Speisezimmer…

Wenden wir uns heute einem Teil unseres Luxuskörpers zu, der allgemein das ‚Speisezimmer’ genannt wird und der sich im Verlauf unseres Lebens immer wieder verändert.

Bei einem Neugeborenen entspricht das Speisezimmer einem leeren Raum in einer Neubauwohnung. In mühevoller Kleinarbeit wird er liebevoll eingerichtet, doch nach einer gewissen Lebensdauer muss der eine oder andere Mieter aus unerklärlichen Gründen weichen.

Nach der Periode der Milchzähne kommt eine neue Generation von Mietern, unbeirrbar, voller Lebenskraft, mit denen wir kräftig zubeißen können, solange sie nicht mit roher Gewalt behandelt werden. Eine regelmäßige Pflege und Durchlüftung ist notwendig, sonst gibt es leicht Stinke- und Stänkereien.

Die respektable Hausgemeinschaft kann so lange in Ruhe und Frieden leben, bis sich vier Neunmalkluge  dazu gesellen wollen. Das klappt nicht immer reibungslos, denn niemand will etwas von seinem eingenommenen  Platz abgeben. Entweder, die Bewohner arrangieren sich mit den Neuankömmlingen, genannt Weisheitszähne,  oder setzen alles daran, sie wieder frühzeitig loszuwerden.

Der Zahn der Zeit macht auch im friedlichsten Speisezimmer keine Ausnahme. Erste Schönheitsoperationen stehen an, dem Zahn wird mächtig an der Wurzel gerüttelt, ein neues Outfit, oft sehr kostenintensiv, lässt so manche kariöse Zahnruine wieder im rechten Weiß  erstrahlen.

Im allergrößten Notfall schlägt der Doktor der Zahnheilkunde eine Totalsanierung vor und die dritten Zähne erstrahlen im neuen Glanz, auch wenn das Konto danach leer ist.

Doch ein Fremdkörper bleibt ein Fremdkörper. Meist betrachtet er sich als Tagesgast in einer Fremdwohnung, verbringt er die Nächte lieber im Kukident-Wasserglas.

Je nach Lebensweise und Lebensart sind die Bewohner eines Speisezimmers friedliche Gesellen. Im Eifer des Gefechtes kann der eine oder andere schon mal an Fassung verlieren, seine Krone in einzelne Porzellanstückchen zerfallen oder das Zahnfleisch zieht sich konsequent zurück.

Gesellen einer besonderen Spezies sind der Kuchenzahn, als ein Relikt längst vergangener Zeiten, der Wackelzahn, der in seiner Körperspannung stark eingeschränkt ist und der süße Zahn, an dem keine Leckerei unbemerkt vorbeikommt.

Selbst die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin wurde bisher als ‚hohler Zahn’ betitelt. Warten wir die Sanierung und deren Ergebnis ab.

Im täglichen Leben begegnet uns der Geselle Zahn öfter, als wir denken. In wie vielen Situationen müssen wir die Zähne zusammenbeißen, wenn uns das Leben herausfordert. Am Ende unserer Kräfte, wenn wir uns an einer Aufgabe die Zähne ausgebissen haben,  laufen wir auf dem Zahnfleisch. Und wenn wir gearbeitet haben wie ein Pferd und wie ein Kaninchen zu essen bekommen, ist das lediglich etwas für den hohlen Zahn.

In der heutigen Zeit sind manche bis an die Zähne bewaffnet, um sich in Gefahrensituationen wehren zu können. Oftmals geht es nach der Devise „Auge um Auge – Zahn um Zahn“.

 

Zähne machen Geschichte,

stehen uns gut zu Gesichte.

Und am Ende eines Lebens

war der Aufwand nicht vergebens.

Doch schließt sich hier der Kreis,

was jeder Mensch auch weiß.

Das Speisezimmer ist oft leer,

es gibt keine Bewohner mehr.

 

© G. B. 5/2011

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Der große Unbekannte

(oder ein neuer Zahnarzt)

Ich hatte schon mehrfach von ihm gehört, aber es dauerte eine Weile, bis ich Kontakt zu ihm aufnahm. Saß doch die Enttäuschung, die ich mit seinem Vorgänger erlebt hatte, noch recht tief. Der hatte mich nach Jahren nach Strich und Faden hängen lassen und ich gewann den Eindruck, dass er mittlerweile auch nur an meinem Geld interessiert war. Hatte ich ihm doch damals geholfen, als Neuling und unbekannt, in seinem Kiez Fuß zu fassen.

Mit keinem Mann war ich in den letzten Monaten so oft verabredet wie mit ihm. Wenn man jemanden neu kennenlernt, tastet man sich vorsichtig ran, muss Vertrauen aufbauen und sich gut überlegen, ob man sich diesem, noch völlig fremden Menschen einfach ausliefert. Wir hatten hitzige Debatten, sofern er mich überhaupt zu Wort kommen ließ. Mit seinem lockeren Mundwerk konnte ich zweifelsohne mithalten, doch  meistens konnte ich nicht so reden, wie ich wollte.

Er machte sich an mir zu schaffen, nicht immer sanft und geduldig, ja, ich gebe zu, er hat mir so manches Mal richtig zugesetzt.  Aber wir kamen unserem Ziel Stück für Stück näher. Und ich muss sagen, er hat sich große Mühe gegeben, sein Plan ging auf und er hat sich und mir einen großen Gefallen getan.

Heute waren wir zum letzten Mal verabredet. Ich war ein wenig angespannt, denn heute war der entscheidende Tag, der mich wieder herzhaft lachen lassen kann.

Ja, ich bin zufrieden, die Prozedur hat sich gelohnt.

Wir werden in den nächsten Jahren öfter miteinander zu tun haben, das steht fest. Aber ich bin optimistisch. Ich habe mich in professionelle Hände begeben.

© G.B. 24.01.12

Wir hatten wieder eine heiße und innige Phase, mitten im Sommer, teils bei dreißig Grad. Er hat es mir angetan, gnadenlos und unbarmherzig, zwei und eine halbe Stunde lang.  Es war  aber nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Und das Ergebnis, noch keramikfrisch,  kann sich sehen lassen…

 © G.B. 08.08.12

˙˙˙uǝßǝıl uǝßıǝq lǝɟdɐ uǝpǝɾ uı ʇssnʍǝqʇsqlǝs ɹɥǝɯ ʇɥɔıu ɥɔıɯ pun uǝʇʇɐɥ ʇɹǝʞɔolǝƃ snʇuopoɹɐd uɹɹǝɥ ɥɔɹnp ɥɔıs ǝıp ‚uǝƃunɹǝnǝuɹǝuǝʞɔüɹq ıǝʍz ɥɔılƃıpǝl ǝʇʇɐɥ ɥɔı ˙ʇɹɹı ɹǝp ’ssıqǝƃ  sǝnǝu uıǝɯ ıǝs sɐp ‚ʇʞuǝp puɐɯǝɾ sllɐɟ

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25 Kommentare

  1. Wie immer gut geschrieben!
    Mir selber ist das Thema inzwischen sehr verleidet. Bin immer regemäßig dort gwesen , habe immer alles machen lassen… Nun bin ich leider sehr unzufrieden und auch enttäuscht…aber das ist ein zu weites Feld.
    Wünsche Dir , daß Du auch weiterhin kraftvoll zubeißen kannst.
    LG, Petra

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  2. hehe, Gelenkschmerzen an den Zähnen??? Ich hätte wohl besser diese Unterhaltung nicht gelesen; betrachte nun schon längere Zeit meine armen Fingergelenke und überlege, wie so etwas sich an den Zähnen anfühlen mag…
    Was würden wir ohne sie machen, ohne unsere Zähne und wie plagen sie uns so oft. Wie blitzen sie aber, wenn wir lachen, es sei denn, wir haben da mittig Lücken oder Faules zu bieten. Neiiiiiiiiin, wir pflegen uns, uns kann das nicht passieren. Gerne geben wir unseren letzten Groschen und das letztre Hemd dafür her, daß dieses wohlgefüllte Speisezimmer wundervoll anzusehen ist und uns möglichst nicht im Stich läßt. Ein äußerst informativer Bericht, sehr ernsthaft, liebe Anna-Lena, genau mit der richtigen Brise Humor gewürzt, die ich an Deinen Artikeln so mag.

    Ich denke, nun bist Du wieder ein richtig steiler Zahn mit den Neuen, den gut sitzenden, die Du dem Zahnarzt Deiner Wahl zu verdanken hast, der immer die Gelegenheit genutzt hat, Dir seinen Standpunkt ausführlich zu erläutern, wenn Du Deinen Mund sperrangelweit öffnen mußtest, zum Wohle des neuen Speisezimmers.
    Ein kluger Mann 🙂

    Einen lächelnden und verständnisinnigen Gruß von Bruni

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  3. Trefflich geschrieben, mit Schmunzeln gelesen!

    Beim Parken im Kukident-Wasserglas sind meine Speisezimmerbewohner noch lange nicht gelandet, was ein Glück. Jedoch verlor ich im vergangenen Jahr im zarten Alter von 62 Jahren meinen letzten Weisheitszahn, seit ich ihn los bin, ist im Speisezimmer Ruhe.
    Ich habe mich schon vor vielen Jahren in die Hände meiner Frau Nachbarin, meiner Zahnärztin begeben, sie ist besonders achtsam. Vielleicht liegt es ja an der nachbarschaftlichen Nähe!

    Liebe Grüße, Brigitte

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  4. Oh ja, bei mir gibt es auch ein paar gekrönte Häupter. Aber es sind auch tiefgreifendere Arbeiten vorgenommen worden. So habe ich nun oben links zwei lange Schrauben im zurückgebildenten Oberkiefer.
    Und seit dem letzten Jahr unten rechts, auch hinten. Zu der Zeit hatte ich noch eine Zusatzversicherung. So ging es einigermaßen.
    Nun hat aber unten die Sache ein wenig mehr Platz in Anspruch genommen, als geplant. Da hat sich ganz verschämt einer der alten Garde, der vorn seinen Dienst schiebt, ins hintere Glied zurückgezogen. Das tat an einem Tag mal ein klein wenig weh. Und das war es dann.
    Nun bleiben da zu gern die Fasern von Nektarinen drin hängen. Also muss die Zahnseide rettende Arbeiten ausführen.
    Zähne, eine unendliche Geschichte.

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  5. Guten Abend, liebe Anna-Lena 🙂

    das hast du wieder so herrlich bildhaft und treffend formuliert, und ich hab’s sogar geschafft, „rückwärts“ (oder falschrum?) zu lesen, hihi …

    Ein Zahnarzt, dem du vertrauen kannst, das ist wirklich Gold wert. Denn ansonsten können die Speisezimmerrenovierungen schnell zur Odyssee, zur unendlichen Geschichte oder schlichtweg zum Horrortrip mutieren. Ich erzähl jetzt mal lieber nicht, was mir mit/wegen einem Implantat passiert ist .. Leider bin ich mittlerweile nicht der konsequenteste Zahnarztgänger. Eigentlich nur, wenn irgendwas ist .. Zwei Zähne müssten überkront werden, die sind nur provisorisch gemacht .. Ich warte noch drauf, dass ich genügend in die Zusatzversicherung eingezahlt habe. Dann werde ich es angehen. Denn.. wie war das mit dem leeren Konto? 😀

    Ganz liebe Abendgrüße an dich, und eine gute neue Woche wünscht dir Ocean

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    • Liebe Ocean, dass du eine Zusatzversicherung hast, ist gut, denn das hilft ungemein und schont den Geldbeutel.

      Meine Eltern haben mir weiche und anfällige Zähne vererbt, da hilft auch die beste Pflege nichts. Nun hoffe ich, für die nächsten Jahre erst einmal Ruhe zu haben.
      Anfang September habe ich nur noch eine kleine OP am Kiefer vor mir, aber das steckt Frau auch noch weg 🙄

      Komm gut in die neue Woche und grüße Lisa von mir 🙂
      LG Anna-Lena

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  6. Staunend habe ich gerade gelesen, was Dir alles zum Thema Zähne einfällt. Super geschrieben mit einer Prise Anna-Lena-Humor, einfach toll.
    Die Zähne, die können uns wirklich ganz schön plagen.Mein Zahnarzt war auch eine Zeit „mein bester Freund“ und ich habe da auch schon einiges hinter mir. Eigentlich dürfte mir so ein Zahnarztbesuch deshalb heute nichts mehr ausmachen, aber dem ist nicht so. Ich sitze immer noch mit feuchten Händen Im Zahnarztstuhl und habe tagelang vor dem Termin schlechte Laune 😦 Trotzdem gehe ich zweimal im Jahr hin, denn was sein muss – muss ein.

    LG Susanne

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