Die Villa am See (2)

Elfriede hatte es plötzlich sehr eilig, in ihr Zimmer zu kommen.

Sie legte sich auf ihr Bett und schloss die Augen. Sonntag war es soweit, sie hatte ihr erstes ernsthaftes Rendezvouz nach Jahrzehnten und wenn sie nur daran dachte, kreisten die Schmetterlinge munter in ihrem Bauch umher.

Nach Paul hatte es keinen wirklichen Mann mehr in Elfriedes Leben gegeben. Sie bewahrte Pauls Andenken in ihrem Herzen und hatte geglaubt, nie wieder Gefühle für einen anderen Mann haben zu können.

Und doch war es um sie geschehen, leise, sanft und ganz unspektakulär.

Elfriede hatte das Grab ihres jüngsten Bruders winterfest gemacht, als sie einen Mann von hinten unbeweglich auf einer Bank sitzen sah. Der Dezemberwind blies bitterkalt durch die nackten Baumkronen. Sie packte ihre Sachen zusammen und eilte zu dem Mann. Fast glaubte sie, einen Erfrorenen anzutreffen, aber der Mann auf der Bank lebte. Mit verweinten Augen starrte er auf das Grab vor sich. Elfriede setzte sich leise neben ihn, aber er schien das nicht zu bemerken.

„Sie holen sich den Tod, wenn Sie weiter in dieser Kälte hier sitzen“, sagte sie leise.

„Und wenn schon, das ist mir egal.“ Noch immer nahm er Elfriede nicht wahr und hielt seinen Blick geradeaus gerichtet. „Das Leben hat doch ohne sie sowieso keinen Sinn mehr für mich.“

 

Elfriede folgte seinem Blick. Offenbar saß er am Grab seiner Frau, die vor einem halben Jahr verstorben war und der schmerzliche Verlust saß immer noch tief in ihm.

„Kommen Sie, hier können Sie jedenfalls nicht bleiben.“ Energisch hakte Elfriede den Mann unter und zog ihn hoch. Wie in Trance stand er auf und ließ sich von ihr zum Ausgang führen.

Neben dem Friedhofseingang war ein kleines Cafe. Dorthin führte Elfriede den Mann an ihrem Arm. Erst, als sie in der Wärme an einem Tisch Platz nahmen, schien der Mann aus seiner Apathie zu erwachen.

Er schaute Elfriede direkt in die Augen.

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich so habe gehen lassen, aber ich war tief in meine Gedanken versunken, dass ich Sie gar nicht richtig wahrgenommen habe.“

Nach einer Tasse heißer Schokolade war Elfriede sich sicher, den Mann, der sich als Dr. Manfred Behrend vorgestellt hatte, sich selbst überlassen zu können. Er bedankte sich mehrmals bei ihr und wünschte ihr einen guten Heimweg.

 

Elfriede hatte den Vorfall fast schon wieder vergessen, bis ihr zwei Wochen später Dr. Behrend im Krankenhaus über den Weg lief. Sie hatte einer Bekannten eine Blume aus ihrem Gewächshaus gebracht  und eilte zum Ausgang, als er mit verbundener Hand aus der Rettungsstelle kam.

„Was ist Ihnen denn passiert?“, entfuhr es ihr und sie starrte auf den dicken Verband.

„Sie haben einen siebten Sinn dafür, wenn mir etwas passiert, oder?“ Er sah sie an und sein offener Blick berührte sie tief im Inneren. „Es ist nicht weiter schlimm, ich habe mir nur ziemlich  tief in den Finger geschnitten. Seit meine Frau nicht mehr da ist, geht alles irgendwie schief.“

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, fragte sie, um von ihrer plötzlich aufsteigenden Hitzewelle ein wenig abzulenken.

„Danke, das ist sehr lieb von Ihnen, aber ich nehme mir wieder ein Taxi und fahre direkt nach Hause.“

„Vielleicht kann ich Sie ein Stück mit meinem Auto mitnehmen?“

Tatsächlich lag Dr. Behrends Haus auf ihrem Rückweg und so hielt sie nach etwa zehn Minuten vor einer noblen Villa an und ließ ihn aussteigen.

 Fortsetzung folgt….

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17 Kommentare

  1. Mensch liebe Anna-Lena, jetzt wollte ich mich nach dem ganzen Stress entspannen und was passiert? Ich lese deinen Post und bin mehr als aufgeregt. Unebdingt will ich wissen, wie diese Geschichte ausgeht und das bitte bald, bevor ich ohne Internet bin. Kannst du mir diesen Wunsch erfüllen? Herzlich liebe Grüße. Mandy

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  2. Du machst uns ja wirklich neugierig. Das hört sich nach einer schönen Romanze an. Jetzt bis Mittwoch zu warten….. das fällt mir nicht so leicht.
    Dir wünsche ich jetzt erst einmal ein paar erholsame Tage und vor allem wünsche ich Dir Sonnenschein, doch inzwischen sind wir ja schon froh, wenn es mal nicht regnet.
    Lass es Dir gut gehen – wir lesen uns spätestens am Mittwoch hier.
    LG Susanne

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  3. @all: Ich traue mich ja kaum zu sagen, dass noch drei Teile folgen und das im Abstand von je drei Tagen.

    Nachdem ich gerade Hape Kerkeling: „Ich bin dann mal weg“ gelesen habe, ist es eine gute Aufgabe für uns alle, uns in Geduld zu üben und alles etwas gelassener anzugehen.

    In diesem Sinne,
    kommt gut in die neue Woche und lasst es euch wohl ergehen.
    ♥lich,
    Anna-Lena

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  4. Hach, ist das schön … und nun warte auch ich ungeduldig auf die Fortsetzung und wie es mit den beiden weitergeht 😉 Aber so hat man was, worauf man sich freuen kann … immer alles gleich und sofort zu bekommen, ist doch auch nicht das Wahre.

    Du schreibst echt klasse 🙂

    Ich wünsch dir eine schöne Woche und schicke dir liebe Grüße,
    Ocean

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