Austritt

 

 

Still saß sie auf ihrem Bett und ließ den Blick noch einmal durch das Zimmer gleiten. Das war ihr kleines Reich gewesen, zwölf Jahre lang, schlicht und einfach. Für sie hatte es mehr bedeutet. Hier konnte sie sie selbst sein,  ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen, hier konnte sie träumen, wenn ihr danach war und hier konnte sie weinen, wenn ihr danach zumute war. In ihrem kleinen Reich  konnte sie die Maske fallen lassen und nur sie selbst sein.

Ihr Koffer war gepackt, ihre wenigen privaten Habseligkeiten verstaut.

Früh am nächsten Morgen würde sie aufbrechen, still und leise, in eine ungewisse Zukunft.

Obwohl sie sich freiwillig, nach langen inneren Kämpfen und vielen schlaflosen Nächten, zu diesem Schritt entschlossen und alle Steine, die sich ihr in den Weg gelegt hatten, beiseite geräumt hatte, kroch eine unbestimmte Angst in ihr hoch. War es der richtige Weg?

Sie hatte sich vor dem Augenblick des Abschiedes gefürchtet. Noch vor wenigen Stunden hatte sie unzählige Hände geschüttelt, die eine oder andere in den Arm genommen, dabei immer wieder verstohlen die nicht versiegen wollenden Tränen abgewischt. Aber sie hatte auch in Gesichter geblickt, die keinerlei Regungen zeigten, in denen sie sogar Gedanken  wie ‚Verräterin’ oder ‚ Du wirst schon sehen, was du davon hast’ zu lesen glaubte.

Ihr Blick fiel auf ihren kleinen Koffer, der aufgeklappt neben dem Waschbecken stand. Mit diesem Koffer war sie vor zwölf Jahren hierher gekommen. Das Kleid, das sie vor zwölf Jahren getragen hatte, würde sie auch morgen wieder tragen. Es war ihr ein wenig zu weit, aber mit dem dünnen Mantel darüber würde das nicht auffallen.

Als sie vor zwölf Jahren hierher kam, war sie einundzwanzig und hatte ihre Ausbildung als Krankenschwester gerade beendet. Sie war jung, voller Optimismus und Idealismus. Sie hatte ihren Weg gefunden, glaubte sie damals. Mit ihr zusammen kamen fünf andere Frauen ins Postulat. Sie halfen sich gegenseitig und gingen gemeinsam durch alle Höhen und Tiefen, die dieses neue, völlig andere  Leben mit sich brachte. Ein frischer Wind zog mit ihnen durch die alten Mauern.

Im Noviziat wurden sie getrennt. Die erste ging wieder, denn dieses Leben erdrückte sie. Zwei andere wurden in andere Häuser geschickt. Zu dritt blieben sie zurück, ein verschworenes, zeitweise etwas aufmüpfiges Grüppchen, das die eine oder andere Belehrung und Zurechtweisung  einstecken musste. Als eine von ihnen plötzlich mitten aus dem Leben gerissen wurde, waren sie nur noch zu zweit, unzertrennlich, bis heute.

Nach ihren ersten Gelübden übernahm sie die Krankenabteilung und war für die  Pflege und Sterbebegleitung der älteren Mitschwestern verantwortlich. Sie war während ihrer Ausbildung  oft mit dem Tod konfrontiert worden, aber hier war es jedes Mal, als stürbe jemand aus ihrer Familie. Je länger und besser sie ihre Familie kennenlernte, desto schwerer fiel es ihr jedes Mal, loszulassen. Sie erreichte ihre Grenzen, physisch und psychisch.

Sie war mit ihrem Leben zufrieden gewesen, bis vor einem Jahr. Sie hatte in ihrem Leben Sicherheit, eine Arbeit, die sie voll in Anspruch nahm und die sie liebte und ihre Mitschwestern. Zwei Wochen lang durfte sie im letzten Sommer zu ihrer Schwester Charlotte  in den Schwarzwald fahren, um sich zu erholen. Das Leben in der Familie mit zwei lebhaften kleinen Kindern stellte alles auf den Kopf, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hatte. Wie eine kleine zarte Pflanze wuchs in ihr der Wunsch nach einer eigenen kleinen Familie, die Sehnsucht nach einem Partner und Kindern.

Nachdem sie ins Kloster zurückgekehrt war, war nichts mehr in ihrem Leben, wie es vorher gewesen war. Die Gelübde der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams, zu denen sie sich verpflichtet  hatte, lagen ihr wie eine Zentnerlast auf der Seele. Sie hatte alles, was sie brauchte, so dass das Gelübde der Armut kein Problem für sie war. Sie lebte ehelos, wenn auch nicht immer keusch, aber das Gelübde des Gehorsams fiel ihr immer schwerer.

Sie konnte nicht alles gutheißen, was tagtäglich von ihnen abverlangt wurde. Ihre Einwände und Verbesserungsvorschläge wurden zwar registriert, aber nichts davon umgesetzt. So starr wie die Klostermauern war auch die Haltung der Mutter Oberin.

Irgendwann gab sie den inneren Kampf  auf und ersuchte die Mutter Oberin um ein Gespräch.

Tief in ihrem Inneren wusste sie zu diesem Zeitpunkt, dass sie nicht bleiben konnte, wenn sie auch keinerlei Vorstellung von ihrer Zukunft hatte. Sie wollte ihr Leben selbst in die Hand nehmen und selbst entscheiden, was für sie gut war.  Die Mutter Oberin tat alles, um sie zu halten, gab ihr jegliche Freiheit und Bedenkzeit. Aber es war umsonst.

Da sie bereits die ewigen Gelübde abgelegt hatte, musste ihr Austritt von Rom bewilligt werden und das dauerte. Außer der Mutter Oberin wusste niemand etwas von ihrem Entschluss und als der Bescheid endlich da war, ging alles ganz schnell.

Am Morgen dieses Tages erfuhren die Mitschwestern, dass sie gehen würde. Trauer, Bestürzung und Verständnislosigkeit schlugen ihr geballt entgegen.
Sie versah zum letzten Mal ihren Dienst in der Krankenabteilung, nahm zum letzten Mal an den gemeinsamen Gebeten und den Mahlzeiten im Refektorium teil und zog sich, nachdem sie sich verabschiedet hatte, in ihr Zimmer zurück.

Ihre letzten Blicke fielen auf ihr Ordenskleid, das sie sorgfältig auf einen Kleiderbügel gehängt hatte und  den Schleier, der zusammengefaltet auf dem kleinen Tisch lag. Sie legte ihren Ring und das Kreuz, das sie an einer Kette trug, dazu.

In wenigen Stunden wurde sie die Klosterpforte durchschreiten und als normaler Mensch in ein normales Leben hinausgehen, nach dem sie einen unbändigen Hunger verspürte.

Text und Foto: G.B. 2009

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8 Kommentare

  1. …die Klosterpforte durchschreiten und als normaler Mensch in ein normales Leben hinausgehen…
    das haben schon einige geglaubt – funktioniert aber meist nicht mit der Normalität wegen der ‚Infektion‘
    wie hat schon Kurt Tucholsky geschrieben:
    Das Christentum ist eine gewaltige Macht. Dass z.B. protestantische Missionare aus Asien unbekehrt wieder nach Hause kommen –
    das ist eine große Leistung.
    *g*

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