Ein Engel auf Erden

Beinahe lautlos schloss er die Tür des Kapellenvorraumes hinter sich, tauchte die Fingerspitzen der rechten Hand in das kleine Weihwasserbecken und bekreuzigte sich.

Nachdem er in der vordersten Bank Platz genommen hatte, schaute er auf die Uhr. Gleich war es soweit, gleich würde sie kommen.

Jeden Mittag saß er hier, wartete darauf, dass die Uhr der kleinen Klosterkapelle zwei schlug und die betende Schwester vor dem Altar abgelöst wurde.  Jeden Mittag starrte er auf die Seitentür, die vom Flur des Klosters in den hinteren Teil der Kapelle führte.

Da kam sie, durchschritt lautlos den stillen Raum, machte vor dem Altar zusammen mit der anderen Schwester eine Kniebeuge und kniete sich auf das kleine Bänkchen nieder, um nun für eine halbe Stunde in Meditation und Gebet zu versinken.

Genau fünf Sekunden brauchte sie, um von der Tür zum Altar zu gelangen und fünf Sekunden am Tag konnte er ihr Gesicht sehen. Ein junges, schmales Gesicht, makellos schön,  schmale dunkle Augenbrauen über den auf den Boden gehefteten Augen, volle Lippen, die immer den Ansatz eines Lächelns andeuteten. Viel mehr konnte er nicht sehen.

Das weiße Stirnband, an dem der cremefarbene  Schleier befestigt war, und das rosafarbene Ordenskleid, das bis zu den Knöcheln reichte, verhüllten nahezu alles andere an ihr.

Manchmal, wenn das Sonnenlicht durch das bunte Fensterglas auf ihr Haupt fiel, glaubte er, unter ihrem Schleier den Schatten eines langen dunklen Zopfes zu erkennen.

Sie war mittelgroß, schlank und schien eher zu schweben als zu gehen.

Eine halbe Stunde kniete sie nun vor dem Altar, ihm seitlich zugewandt, etwa sieben Meter von ihm durch ein goldenes Eisentor getrennt. In dieser halben Stunde betrachtete er sie von der Seite. Jede zarte Linie ihres Seitenprofils hätte er malen können, so sehr hatte sich dieses Gesicht in sein Bewusstsein  geprägt.

In dieser halben Stunde vergaß er die Welt um sich herum, fühlte sich in ihre geistige Welt  involviert  und fand durch sie in der Stille dieses Raumes Kraft und Stärke. Er fühlte sich  wie in einer Oase inmitten einer lebensfeindlichen Wüste.

Wie oft hatte er sich gefragt, was eine junge Frau veranlasste, ihr Leben völlig abgeschieden hinter Klostermauern zu verbringen und ihr Leben ausschließlich Gott zu weihen. ‚Ora et labora’ – ‚Bete und arbeite’, kann das die Erfüllung für einen jungen Menschen  sein? Er konnte es nicht nachvollziehen, selbst nachdem  er sich mit den Biografien großer Ordensleute befasst hatte. Aber es gab sie immer wieder, gerade auch in der heutigen Zeit, junge Menschen, die es vorzogen, auf Ehe und Familie, Wohlstand und Konsum zu verzichten und den Rest ihres Lebens im Kloster zu verbringen.

Obwohl er niemanden aus der kleinen Kommunität der Schwestern kannte, hatte er Einblick in ihr Leben gewonnen. Sonntags morgens in der Früh, wenn die Besucherkapelle um kurz vor sechs Uhr geöffnet wurde, nahm er an der Laudes, dem ersten Chorgebet der Schwestern teil.  Er verstand kein Latein, aber die gregorianischen Gesänge der zweiundzwanzig Schwestern, die mit ihren hellen Stimmen die Stille der Kapelle durchbrachen, berührten sein Herz jedesmal von Neuem.

Zum anschließenden Gottesdienst füllte sich die Besucherkapelle mit anderen Gästen, die die Heilige Messe mit feierten. Nach dem Gottesdienst zogen sich die Schwestern, bis auf eine, die sich auf das kleine Bänkchen vor den Altar kniete, ins Kloster zurück.

Er wohnte unweit des kleinen Klosters und hatte von seinem Balkon  einen direkten Blick in den hinteren Teil des Klostergartens, in dem sich ein kleiner Kreuzweg befand, ein Weg, den die Schwestern gingen, meist dabei den Rosenkranz betend, um an den Leidensweg Christi zu denken. Im Abstand von wenigen Metern zeigte jeweils ein kleines, aus Holz geschnitztes Bild am Wegesrand  die jeweilige Station an. Diesen Weg gingen die Schwestern einzeln, schweigend und betend.

Einmal am Tag, nachmittags von fünfzehn bis sechzehn Uhr, schien es eine Stunde der Freizeit zu geben. In einem kleinen Holzpavillon sah er dann mehrere Schwestern zusammen sitzen, sich unterhaltend und lachend, wie ganz normale Menschen, ein frappierender Kontrast zu der Ruhe und Stille im Gebet.

Mehr sah er nicht, denn das Kloster und der Klostergarten  waren von einer hohen Mauer umgeben, inmitten der lärmenden Großstadt ein Garten Eden, der für jedermann, der ihn entdeckte, eine Anlaufstelle war.

Inzwischen fragte er sich nicht mehr nach den Motiven für ein Leben im Kloster, er war dankbar, dass es sie gab, die Engel auf Erden, die unscheinbar mitten unter uns leben und  uns, mit all unseren Sorgen und Nöten in ihr Gebet einschließen.

Als sie um halb drei von einer anderen Schwester abgelöst worden war, stand er auf, straffte die Schultern und verließ  genau so leise, wie er gekommen war, die Kapelle wieder.

Er hatte innerlich aufgetankt, war mit Ruhe und innerem Frieden  angefüllt. Er machte sich auf den Heimweg, um sich wieder voll und ganz seinen häuslichen Aufgaben zu widmen, der Pflege seiner dem Tod geweihten Frau.

© G.B. 2009

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12 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena … eine wunderbare Geschichte hast du verfaßt, die ganz tief reingeht ..ich hab sie nun auch noch ein zweites Mal gelesen. Und jetzt direkt zur „Tagesordnung“ überzugehen ist gar nicht so einfach.. Danke dafür, und ganz liebe Grüße an dich, Ocean

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  2. @all:

    Ich kenne in Berlin genau so ein Kloster, das habe ich zum authentischen Vorbild genommen, der Rest ist reine Fantasie.
    Aber ich freue mich sehr, dass euch die Geschichte gefällt, das Klosterleben ist vielen Menschen doch sehr fremd.

    Liebe Grüße an euch,
    Anna-Lena

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  3. Was für eine traumhafte Harmonie innerhalb der Zeilen und was für ein „brutal-realistisches“ Ende. Sehr mitnehmend, liebe Anna-Lena. Eine wunderbare Geschichte!

    Hier in der Nähe befand sich viele Jahre ein Kloster. Die Schwestern fuhren mitunter mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Viele von ihnen sind viel bodenständiger, als man gemeinhin annehmen würde. Und diejenigen, die ich in Gesprächen erlebt habe, hatten ausgesprochen viel Humor. So unnahbar, wie man versucht sein könnte zu glauben, sind diese Schwestern häufig gar nicht.

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  4. es ist uns fremd, das Klosterleben, für die meisten von uns, da hast Du vollkommen recht, liebe Anna-Lena, doch macht es uns auch neugierig, dieses Warum und Wieso, und gerade in unserer so total anderen Welt. Es zieht uns fast magisch an,
    Ruhe und Frieden, Stille und Geduld meinen wir zu erkennen, alles das, was wir selten haben, doch was uns oft sehr fehlt und weil es uns so fehlt, suchen wir manchmal einen Platz in der Nähe eines Engels.

    Kraft tanken wir dann, wie der Mann in Deiner wundervollen und so anrührenden Geschichte.

    Lieber nächtlicher Gurß von Bruni

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