Ausnahmezustand

„Hör mir zu“, flüsterte der Körper der Seele zu.

Die Seele war so mit sich und den anderen für sie wichtigen Dingen beschäftigt, dass sie das, was der Körper ihr mitteilen wollte, unwirsch zur Seite schob.

„Jetzt nicht, ich habe jetzt keine Zeit.“

Der Körper seufzte und zog sich deprimiert in seine eigenen Grenzen zurück. So konnte es doch nicht weitergehen.  Aber er kannte das schon. Gewisse Appelle landeten immer auf der Reservebank. Entweder sie verschwanden von alleine wieder oder sie plusterten sich in übernatürlicher Größe auf, dass auch der Blindeste sie nicht mehr ignorieren konnte.

Der Körper wachte und sandte in regelmäßigen Abständen seine kleinen, dezenten Erinnerungen aus. Im Ignorieren hatte sich die Seele geübt und sich ihre kleines Netz immer und immer wieder mit doppeltem Boden ausgelegt.

Und dann entschloss er sich zu einem direkten Angriff. Er setzte symbolisch ein kleines Insekt auf das linke Trommelfell und ließ es unüberhörbar und verzweifelt mit den Flügeln schlagen. Ein Giftpfeil traf die Halswirbelsäule und hinterließ seine Auswirkungen bis in die Schulterblätter

Die Seele schreckte auf. Was war das? Und plötzlich sah sie deutlich, was ihr der Körper seit Wochen signalisierte:

Sie wollte nichts mehr hören.

Sie hatte den Kopf im wahrsten Sinne zu voll.

Sie hatte sich regelrecht in ihrer Arbeit verbissen.

Die Schultern brachen unter der Last des Alltäglichen zusammen.

Und alles stimmte in den Chorgesang nach Ruhe ein.

PS: Mittlerweile hat sich der Herr von Tinnitus in ein wesentlich anders Pulsgeräusch verwandelt, nachdem ein akuter Hörsturz ausgeschlossen wurde.

Die Halswirbelsäule  und die Kiefergelenke kommen nach und nach durch professionelle Hände wieder in die Normallage.

Der Kopf wird langsam wieder frei.

Und alles andere – muss warten.

Manchmal ist es nötig, sich selbst wieder ganz wichtig zu nehmen.

 

In diesem Sinne,

passt gut auf euch auf und hört auf euren Körper.

Und macht euch keine Sorgen, ich habe alles im Griff.

 

 

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39 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena,

    ein Glück, dass ein Hörsturz ausgeschlossen werden konnte …puh. Aber allein dieses Geräusch ist sicher schon sehr unangenehm ..

    Ja, leider sind das unmißverständliche Zeichen, mit denen der Körper sagt „es ist zu viel“ ..und seinem Ruhebedürfnis Ausdruck verleiht. Wie wichtig Ruhe ist, und wie schwer es oft ist, diese zu finden, kann ich dir gut nachfühlen. Ich wünsch dir von Herzen, dass sich alles wieder entspannt, und dass du alle Ruhe bekommst, die du brauchst,

    ganz liebe Grüße schickt dir Ocean

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  2. man muss schon Talent dafür haben, eine solche Sache in so einen tollen Text zu packen, ja, du hast Recht, man muss die Signale beachten, sonst spielen der Körper und die Seele nicht mehr mit, ich hoffe, es ist schon nun alles ok bei dir, danke für die Warnung, KLaus

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  3. Ach, Anna-Lena, wie gut ich dich verstehen kann – auch ohne oder besser gesagt: sogar besser als mit den Ohren – aber manchmal weiß frau / man nicht so recht, wie die Seele entlastet werden kann, damit der Körper wieder Ruhe finden und geben kann.
    Liebe Grüße zu dir von mir

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  4. Sehr, sehr beruhigend zu wissen, dass du deine Lauscher wieder im Griff hast. Und scheinbar nicht nur die, sondern auch deine Seele. Ich kenne das auch, wenn die Seele streikt. Nur teilt mir diese dann andere Signale mit. Wir sollten viel öfters auf das Innere in uns hören.
    Mal wieder ein exellenter Post von dir. Mit lieben Grüßen, Mandy

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  5. Manches kann man leider nur aussitzen oder abwarten. Anderes könnte man vermeiden, wenn man nur endlich lernen würde, auf Körper und Geist zu hören. Letztendlich gestaltet sich vermutlich jede Situation individuell. Genauso, wie es Menschen nun einmal sind.

    Dir wünsche ich gute Gehörgänge und vor allem rasche Besserung, liebe Anna-Lena!

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  6. Man sollte die Signale des Körpers nicht unterschätzen. Selber kann ich es mir mittlerweile leisten, dass ich einfach mache, was mir gut tut. Das war nicht immer so.

    Erst kürzlich fiel mir auf, dass eine Freundin kurz vor dem Absturz war. Nicht so einfach, sie darauf aufmerksam zu machen. Aber, sie hat auf mich gehört und ist nun in guten Händen. Darüber bin ich froh.

    Dich halte ich für eine sehr vernünftige Frau. Du weißt schon, dass du auf dich achten musst.

    Lieben Gruß, Brigitte

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    • Liebe Brigitte, nicht immer kommt die Vernunft zum Zuge, auch wenn man es eigentlich besser weiß- Man glaubt, unentbehrlich zu sein, aber es geht auch anders und ohne einen selbst.
      Momentan erledige ich im Hintergrund, was ich tun kann und in zwei Wochen fangen die Ferien an.

      Es wird schon wieder 🙂
      Alles Liebe für deine Freundin.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  7. Oh je … ich kenne das ja: das schlechte Gewissen, das man hat, wenn man andere belastet ohne dass man dafür kann. Das Pflichtbewusstsein, das einen dazu treibt, doch zu gehen, obwohl es eigentlich nicht geht. Und wenn man ‚da‘ ist, muss man voll einsatzfähig sein und wird nicht geschont.
    So weit wie jetzt solltest du es nicht mehr kommen lassen und nächstens rechtzeitig die Notbremse ziehen. Ich weiß, das schreibt sich so leicht, aber es ist doch so: ‚ohne Gesundheit ist alles nichts‘.
    Pass gut auf dich auf, liebe Anna-Lena und geh‘ nicht zu früh wieder. Dein Arbeitgeber hat die Verantwortung für das Funktionieren, auch wenn er es gerne auf andere Schultern abladen möchte.
    Alles Liebe dir und gute Besserung,
    April

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    • Du weißt es ja am besten, wie das ist, liebe April. Als die ersten Warnzeichen kamen, steckte ich mitten in den Prüfungen der Klasse 10, etliche andere steckten im Abitur.
      Ich war nun zweimal in der Schule, habe alles für die Zeugniskonferenzen vorbereitet und muss eventuell nächste Woche Zeugnisse schreiben. Am 20. fangen die Ferien an. Diese und voraussichtlich nächste Woche muss es auch ohne mich gehen.

      Danke für deine lieben Wünsche.
      Anna-Lena

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  8. Gute Besserung und pass auf Dich auf! Nicht zu viel, das Entspannen nicht vergessen, nicht immer nur hinterherhetzen, wenn es nicht mehr geht, Nein sagen, delegieren… – wie April schrieb, es schreibt sich so leicht und ist so schwer umzusetzen, ich weiß…. 😦 Aber wir müssen einfach lernen, auch mal an uns zu denken und daran, dass wir für andere sehr wohl ersetzbar sind – aber für uns selbst niemals!

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  9. Klasse geschrieben und so wahr. Wir leben in einer stressigen Zeit und wenn man nicht auf die Signale des Körpers achtet, dann kann das böse enden. Meiner schickt mir auch ab und zu Signale und manchmal brauche ich eine Weile, um auf sie zu hören….. ich kann Dich soooo gut verstehen.

    Gut, dass es Dir inzwischen wieder besser wird und wenn in 2 Wochen die Ferien beginnen, dann hast Du jetzt bestimmt bald noch Deine Abschlussfahrt vor Dir, die bestimmt auch keine Erholungsfahrt ist.

    Alles Gute und pass auf Dich auf
    Susanne

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  10. Der Kopf wird langsam wieder frei – und alles andere muss warten.
    Das liest sich sehr gut. Pass weiterhin gut auf Dich auf. Man meint ja immer, ein bisschen geht noch und noch ein bisschen.
    Ich wünsche Dir gute Besserung und dass schnell Ferien sind.

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  11. Liebe Anna-Lena,

    manchmal ist es schwerer auf sich selbst aufzupassen, als auf andere. Man ist so nah dran und sieht das Gesamtbild nicht. Schon gar nicht, wenn man so beschäftigt ist. Dann lassen sich Gedanken und die Seele leicht ignorieren und verdrängen.

    Schön zu lesen, dass du auf dem Weg der Besserung bist.
    Pass weiterhin gut auf dich auf, damit du dich wieder ganz erholst.

    Liebe Grüße,
    Martina

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  12. Liebe Anna-Lena, gerade eben lese ich erst Deinen wahnsinnig guten Artikel über den seelischen Ausnahmezustand, der sich dem Körper so drastisch mitteilen kann.
    Es ist so unendlich gut, wie Du es beschrieben hast. Ich bin voller Bewunderung und sehr froh, daß es Dir wieder besser geht, aber so bleibt es nur, wenn Du weiter auf diesen Gleichklang von K & S achtest…
    Dir einen sehr lieben Gruß am Freitagmorgen

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