Klassentreffen

Unentschlossen  blickte sie auf die Einladungskarte. Noch hatte sie genug Zeit, sich  fertig zu machen und hinzufahren. Wollte sie das? Hin- und hergerissen zwischen Neugier und  Lustlosigkeit ging sie in Gedanken durch, was und wen sie dort erwartete.

Selten hatte sie sich die Frage gestellt, was aus all denen geworden war, mit denen sie heute vor zwanzig Jahren das Abitur gemacht hatte. Dieser Abschnitt ihres Lebens gehörte zu einem Teil ihrer Vergangenheit, über den sie nie wirklich nachgedacht hatte.

Als sie zu Beginn der elften Klasse an diese Schule kam, war es nicht einfach, Fuß zu fassen. Ihre Herkunft war, wie auch später immer wieder, ein Stolperstein. Ihre Eltern waren berühmte Schauspieler gewesen, erfolgreich, aber auch immer wieder ein gefundenes Fressen für die Regenbogenpresse. Jeder Alkoholabsturz ihres Vaters wurde zu einem Riesenskandal aufgebauscht und noch Jahre nach seinem Tod fand er keine Ruhe. Irgendein Schmierfink fand immer wieder eine Leiche im Keller, die dann schwarz auf weiß in sämtlichen Zeitschriften zum Leben erweckt wurde.

Nachdem ihre Mutter nach der Scheidung  nach Australien ausgewandert war, wurde es ruhiger. Sie nahm keine Rollen mehr an, lebte zurückgezogen auf einer Schaffarm und hatte endlich das gefunden, wonach sie sich immer gesehnt hatte, Ruhe und Frieden.

Rike hatte sich nur schwer in ihre Klasse eingelebt. Im Gegensatz zu ihr kamen alle anderen aus bescheidenen Verhältnissen und wurden nicht mit einer Limousine zur Schule chauffiert.

Niemand außer ihr verbrachte die Nachmittage auf dem Reiterhof, in der Musikschule oder beim Tennis. Sie war nicht unbeliebt, aber da sie ihren Mitschülerinnen und Mitschülern sehr distanziert gegenübertrat, suchte niemand näheren Kontakt zu ihr. Nur Anita, Anja und Susanne waren so etwas wie Freundinnen für sie, zumindest bis zum Abitur.

Nach einem beeindruckenden Abitur zog sie nach Frankfurt, absolvierte ihr Studium als Juristin und war heute eine berühmte Familienrichterin. Ihre Disziplin und ihr Ehrgeiz hatten sie zu einer unabhängigen Frau gemacht. Sie hatte alles erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. Ihre wenige Freizeit, die ihr neben ihrem beruflichen Engagement blieb, verbrachte sie gerne in Fitness-Studios, in der Sauna, beim Friseur und bei der Kosmetik.

Die Neugier hatte gesiegt. Das erste Treffen vor zehn Jahren hatte sie nicht besucht, scheinbar hatte sie auch niemand vermisst. Jetzt, nach weiteren zehn Jahren, kam die erneute Einladung und die wollte sie nicht wieder ignorieren. Vielleicht wurde es ein netter Abend. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel. In ihrem schwarzen, mit rot abgesetzten Kostüm, den schwarzen hochgesteckten langen Haaren, dezent geschminkt mit einem verführerischen Kussmund, blickte sie  ein letztes Mal zufrieden in den Spiegel, nahm ihre kleine Handtasche, ihren Autoschlüssel und fuhr los.

Als sie den Vorraum des Restaurants betrat, erblickte sie mehrere kleinere Grüppchen von Menschen, die fröhlich miteinander plauderten und lachten. Auf Anhieb schienen ihr alle fremd zu sein. Sie suchte in den Gesichtern nach Spuren der Vergangenheit, nach Vertrautem, nach Namen.

„Das glaube ich nicht! Rike, bist du das wirklich?“ Ein untersetzter Mann mit Glatze und deutlichem Bierbauch löste sich aus einer Gruppe, kam mit einem Sektglas in der linken Hand auf sie zu und reichte ihr seine Rechte zur Begrüßung. „Ja, ich bin es. Hallo“, antwortete Rike. ‚Wer ist das denn?’, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte keinen blassen Schimmer, wer sie da so überschwänglich begrüßte.

Alle anderen Gruppen hörten schlagartig auf zu reden, jeder blickte sie an, als sei sie gerade vom Himmel gefallen. Obwohl Rike es gewohnt war, vor größeren Menschengruppen zu reden und eine brillante Rhetorikerin war, empfand sie diese plötzliche Stille als sehr unangenehm. Sie erinnerte sie daran, als sie neu in die Klasse kam, vom Klassenlehrer den anderen vorgestellt wurde und sie jeder  schweigend und abschätzend von oben bis unten anstarrte. Jeder wusste, wer sie war.

Nach ihr kamen zwei weitere Ehemalige und das Hauptaugenmerk richtete sich auf die Neuankömmlinge. Rike nutzte die Gelegenheit, von Gruppe zu Gruppe zu gehen und jeden Einzelnen zu begrüßen. Der eine oder andere hatte sich, bis auf die Jahre,  die an keinem spurlos vorüber gegangen waren, kaum verändert, bei anderen hatte sie das Gefühl, vollkommen Fremden gegenüber zu stehen. Anita, Anja und Susanne begrüßten sie stürmisch und freuten sich wirklich, sie wiederzusehen.

Als alle versammelt waren, hielt Alex, der ehemalige Klassensprecher, eine Rede über die ach so herrliche Schulzeit. Er musste monatelang an dieser Rede geschrieben haben, denn er  presste  minutiös drei Jahre Sekundarstufe Zwei in exakt zwanzig Minuten Redezeit. Nach seiner Rede erntete er tosenden Beifall und das kalte Buffet wurde eröffnet.

Anita, Anja und Susanne umringten Rike sogleich am Buffet und ließen nicht locker, bis sich Rike zu ihnen an den Tisch gesetzt hatte. Es gab nach all den Jahren so viel zu erzählen. Bereits nach kurzer Zeit stellte Rike fest, wie eng die freundschaftlichen Beziehungen der drei anderen auch nach dem Abitur gewesen waren. Sie besuchten sich regelmäßig gegenseitig und pflegten ihre Freundschaften intensiv. So etwas hatte Rike nie kennengelernt. Sie wurde seit Beginn ihrer Schulzeit von einem Internat ins nächste gesteckt und nach ihrem Abitur hatte sie alle Brücken in der Kleinstadt, in der sie damals lebte, hinter sich abgebrochen.

Bisher hatte sie immer gedacht, mit ihrem jetzigen Leben zufrieden zu sein. Sie sah blendend  aus, hatte einen Beruf, der sie ausfüllte und ihr einen gehobenen Lebensstandard  ermöglichte, eine komfortable Eigentumswohnung und ein paar Bekannte. Nur eines hatte sie nicht, eine Familie, die ihr Wärme und Geborgenheit schenkte, Kinder, deren helles Lachen das Haus erhellten. Sie besaß nicht einmal eine Katze oder einen Vogel.

In Rike erwachten widerstreitende Gefühle. Anja – sie hatte immer noch ihre kurzen blonden Locken und einen unschuldigen Augenaufschlag –  war sehr in die Breite gegangen und hatte vier Kinder bekommen. Stolz zeigte sie Rike ein kleines Familienalbum und redete ununterbrochen über ihre täglichen Aufgaben als Mutter, Ehefrau und Hausfrau, in denen sie offenbar ihre Erfüllung fand. Als die Lust auf ein Stück Kuchen Anja erneut zum Buffet trieb, schaute Rike ihr hinterher. Anjas ohnehin ausladendes Hinterteil war noch ausladender geworden, was bei ihrer Körpergröße von eins sechzig nicht sehr vorteilhaft wirkte. Anjas Hintern wackelte beim Laufen wie Gelatine und würde man ihn anstoßen, wackelte er sicher am nächsten Morgen immer noch.

Susanne wirkte sehr verhärmt. Ihr Gesicht war blass und faltig, die halblangen, stark angegrauten Haare hingen spröde und glanzlos herab. Um ihre dunkelbraunen Augen hatten sich unzählige Fältchen und Tränensäcke gebildet. Sie war verheiratet und hatte einen Sohn, der ihr mehr Kummer als Freude bereitete, die Schule jetzt vor dem Abitur häufig schwänzte, bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und mal wieder seit zwei Tagen spurlos verschwunden war. Susanne hatte keine Kraft mehr und da er volljährig war, auch keinen großen Einfluss mehr auf ihn. Ihre Ehe hing am seidenen Faden und sie hatte sich resigniert in ihr Schicksal ergeben, so kam es Rike vor.

Anita hingegen hatte sich von einem schüchternen Mauerblümchen zu einer ausgesprochenen Schönheit entwickelt. Ihre kurzen blonden Haare, die fein geschwungenen Augenbrauen über den strahlend blauen Augen und der volle Mund harmonisierten perfekt mit dem  Rest ihrer femininen Rundungen. Nach ihrem Literaturstudium hatte sie sich einen Namen als Autorin von Kriminalromanen gemacht, tingelte von Lesung zu Lesung durch die Lande und genoss das Leben mit häufig wechselnden Lebensabschnittspartnern.

So unterschiedlich die drei waren, so sehr ergänzten sie sich auch und standen jederzeit füreinander ein.

Auch Rike wurde von den anderen nach ihrem Leben in den letzten zwanzig Jahren ausgequetscht. Aber was hatte sie schon groß zu erzählen? Kein Mann, keine Kinder, keine Freunde und viel Arbeit. Hin und wieder ein Essen außerhalb, ein Theater- oder Kinobesuch mit Bekannten, ein Jahresurlaub in ihrem Ferienhaus auf Lanzarote, das war es. Die sorgenvollen Gesichter ihrer Schulfreundinnen machten ihr zum ersten Mal schmerzhaft bewusst, wie armselig ihr Leben war, trotz des beruflichen Erfolges und ihrer finanziellen Unabhängigkeit.

Nach dem Essen spielte eine Band und die Tanzfläche füllte sich. Rike war froh darüber, denn  Anjas Begeisterung  über die neuesten Plätzchenrezepte  in der BRIGITTE konnte sie nicht teilen, Anitas bequemen Lebensgefährten mit dem Waschzwang, der heute morgen seine Koffer gepackt hatte, kannte sie nicht  und die Schulverweise von Susannes Sohn waren auch  kein Thema, an dem sie länger festhalten wollte.

„Darf ich bitten?“ ertönte unerwartet eine sonore männliche Stimme neben Rike. Erstaunt blickte sie in ein freundliches Gesicht mit intensiven grüngrauen Augen, dessen Name ihr natürlich nicht auf Anhieb einfiel. „Gerne“, antwortete sie und während sie aufstand, warf sie Anita einen verzweifelten Blick zu, in der Hoffnung, sie würde ihr einen Tipp geben, wer der Unbekannte war. „Stefan, aber nicht zu lange, wir haben uns noch so viel zu erzählen“, ermahnte Anita ihn mit gespielter Entrüstung. Rike lächelte ihr dankbar zu und verschwand mit Stefan auf der Tanzfläche.

Wieso war ihr der gutaussehende Stefan nicht in Erinnerung geblieben, fragte Rike sich. Schnell verwickelte er sie in ein Gespräch und eröffnete ihr, dass er als Journalist ihre berufliche Karriere eifrig verfolgt hatte und über sie bestens im Bilde sei. Als er sie direkt fragte „Rike, warum hast du nie geheiratet?“, blieb Rike voller Verwunderung mitten auf der Tanzfläche stehen. „Das hat sich bisher nicht ergeben.“ Stefan nahm sie erneut in den Arm und führte sie sicher wieder in die Musik ein. Sie schmiegte sich noch enger an ihn, genoss den verhaltenen Duft seines Aftershave und spürte seinen warmen Körper eng an ihrem.  „Und du – bist du verheiratet?“ flüsterte sie zaghaft.  Im gleichen Moment ärgerte sie sich, dass sie ihm solch eine direkte Frage stellte. „Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben“. Stefan hatte sie bei diesen Worten ein wenig auf Abstand geschoben und sah sie mit traurigen Augen direkt an. „Seitdem arbeite ich fast nur noch“, murmelte Stefan, seinen Mund wieder dicht an ihrem Ohr. „Das tut mir Leid“, flüsterte Rike zurück.

Rike wusste nicht, wie lange sie getanzt hatten, es kam ihr vor wie eine Ewigkeit und sie spürte ein heftiges  Kribbeln in ihrem Körper. Als die Band eine Pause einlegte, war sie sogar ein wenig enttäuscht, als Stefan sie zum Tisch zurückgeleitete. „Danke“, flüsterte er ihr ins Ohr, „und – darf ich dich anrufen? Ich möchte dich gerne wiedersehen.“ Rikes Herz machte einen Satz und sie nickte ihm lächelnd zu. Sie war immer noch wie elektrisiert von seiner Umarmung beim Tanzen und ihre Sinne waren wie betäubt. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt so wohl gefühlt hatte.

Anja, Anita und Susanne verwickelten Rike sofort wieder in ein Gespräch, aber Rike hatte nur noch einen Gedanken –  Stefan. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie ihn. Er tanzte mit keiner anderen Frau, sondern unterhielt sich intensiv mit einigen männlichen Klassenkameraden.

Weit nach Mitternacht brachen auch die letzten auf. Rike und Stefan standen sich vor dem Restaurant gegenüber. Rike überreichte ihm wortlos ihre Visitenkarte und hauchte „Ich freue mich auf deinen Anruf.“ Bevor sie sich umdrehen und gehen konnte, nahm Stefan sie in die Arme, zog sie an sich und drückte ihre einen warmen Kuss auf die Lippen. „Der wird schneller kommen, als du denkst. Fahr vorsichtig und komm gut heim.“

© G.B. 2009

Austritt

 

 

Still saß sie auf ihrem Bett und ließ den Blick noch einmal durch das Zimmer gleiten. Das war ihr kleines Reich gewesen, zwölf Jahre lang, schlicht und einfach. Für sie hatte es mehr bedeutet. Hier konnte sie sie selbst sein,  ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen, hier konnte sie träumen, wenn ihr danach war und hier konnte sie weinen, wenn ihr danach zumute war. In ihrem kleinen Reich  konnte sie die Maske fallen lassen und nur sie selbst sein.

Ihr Koffer war gepackt, ihre wenigen privaten Habseligkeiten verstaut.

Früh am nächsten Morgen würde sie aufbrechen, still und leise, in eine ungewisse Zukunft.

Obwohl sie sich freiwillig, nach langen inneren Kämpfen und vielen schlaflosen Nächten, zu diesem Schritt entschlossen und alle Steine, die sich ihr in den Weg gelegt hatten, beiseite geräumt hatte, kroch eine unbestimmte Angst in ihr hoch. War es der richtige Weg?

Sie hatte sich vor dem Augenblick des Abschiedes gefürchtet. Noch vor wenigen Stunden hatte sie unzählige Hände geschüttelt, die eine oder andere in den Arm genommen, dabei immer wieder verstohlen die nicht versiegen wollenden Tränen abgewischt. Aber sie hatte auch in Gesichter geblickt, die keinerlei Regungen zeigten, in denen sie sogar Gedanken  wie ‚Verräterin’ oder ‚ Du wirst schon sehen, was du davon hast’ zu lesen glaubte.

Ihr Blick fiel auf ihren kleinen Koffer, der aufgeklappt neben dem Waschbecken stand. Mit diesem Koffer war sie vor zwölf Jahren hierher gekommen. Das Kleid, das sie vor zwölf Jahren getragen hatte, würde sie auch morgen wieder tragen. Es war ihr ein wenig zu weit, aber mit dem dünnen Mantel darüber würde das nicht auffallen.

Als sie vor zwölf Jahren hierher kam, war sie einundzwanzig und hatte ihre Ausbildung als Krankenschwester gerade beendet. Sie war jung, voller Optimismus und Idealismus. Sie hatte ihren Weg gefunden, glaubte sie damals. Mit ihr zusammen kamen fünf andere Frauen ins Postulat. Sie halfen sich gegenseitig und gingen gemeinsam durch alle Höhen und Tiefen, die dieses neue, völlig andere  Leben mit sich brachte. Ein frischer Wind zog mit ihnen durch die alten Mauern.

Im Noviziat wurden sie getrennt. Die erste ging wieder, denn dieses Leben erdrückte sie. Zwei andere wurden in andere Häuser geschickt. Zu dritt blieben sie zurück, ein verschworenes, zeitweise etwas aufmüpfiges Grüppchen, das die eine oder andere Belehrung und Zurechtweisung  einstecken musste. Als eine von ihnen plötzlich mitten aus dem Leben gerissen wurde, waren sie nur noch zu zweit, unzertrennlich, bis heute.

Nach ihren ersten Gelübden übernahm sie die Krankenabteilung und war für die  Pflege und Sterbebegleitung der älteren Mitschwestern verantwortlich. Sie war während ihrer Ausbildung  oft mit dem Tod konfrontiert worden, aber hier war es jedes Mal, als stürbe jemand aus ihrer Familie. Je länger und besser sie ihre Familie kennenlernte, desto schwerer fiel es ihr jedes Mal, loszulassen. Sie erreichte ihre Grenzen, physisch und psychisch.

Sie war mit ihrem Leben zufrieden gewesen, bis vor einem Jahr. Sie hatte in ihrem Leben Sicherheit, eine Arbeit, die sie voll in Anspruch nahm und die sie liebte und ihre Mitschwestern. Zwei Wochen lang durfte sie im letzten Sommer zu ihrer Schwester Charlotte  in den Schwarzwald fahren, um sich zu erholen. Das Leben in der Familie mit zwei lebhaften kleinen Kindern stellte alles auf den Kopf, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hatte. Wie eine kleine zarte Pflanze wuchs in ihr der Wunsch nach einer eigenen kleinen Familie, die Sehnsucht nach einem Partner und Kindern.

Nachdem sie ins Kloster zurückgekehrt war, war nichts mehr in ihrem Leben, wie es vorher gewesen war. Die Gelübde der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams, zu denen sie sich verpflichtet  hatte, lagen ihr wie eine Zentnerlast auf der Seele. Sie hatte alles, was sie brauchte, so dass das Gelübde der Armut kein Problem für sie war. Sie lebte ehelos, wenn auch nicht immer keusch, aber das Gelübde des Gehorsams fiel ihr immer schwerer.

Sie konnte nicht alles gutheißen, was tagtäglich von ihnen abverlangt wurde. Ihre Einwände und Verbesserungsvorschläge wurden zwar registriert, aber nichts davon umgesetzt. So starr wie die Klostermauern war auch die Haltung der Mutter Oberin.

Irgendwann gab sie den inneren Kampf  auf und ersuchte die Mutter Oberin um ein Gespräch.

Tief in ihrem Inneren wusste sie zu diesem Zeitpunkt, dass sie nicht bleiben konnte, wenn sie auch keinerlei Vorstellung von ihrer Zukunft hatte. Sie wollte ihr Leben selbst in die Hand nehmen und selbst entscheiden, was für sie gut war.  Die Mutter Oberin tat alles, um sie zu halten, gab ihr jegliche Freiheit und Bedenkzeit. Aber es war umsonst.

Da sie bereits die ewigen Gelübde abgelegt hatte, musste ihr Austritt von Rom bewilligt werden und das dauerte. Außer der Mutter Oberin wusste niemand etwas von ihrem Entschluss und als der Bescheid endlich da war, ging alles ganz schnell.

Am Morgen dieses Tages erfuhren die Mitschwestern, dass sie gehen würde. Trauer, Bestürzung und Verständnislosigkeit schlugen ihr geballt entgegen.
Sie versah zum letzten Mal ihren Dienst in der Krankenabteilung, nahm zum letzten Mal an den gemeinsamen Gebeten und den Mahlzeiten im Refektorium teil und zog sich, nachdem sie sich verabschiedet hatte, in ihr Zimmer zurück.

Ihre letzten Blicke fielen auf ihr Ordenskleid, das sie sorgfältig auf einen Kleiderbügel gehängt hatte und  den Schleier, der zusammengefaltet auf dem kleinen Tisch lag. Sie legte ihren Ring und das Kreuz, das sie an einer Kette trug, dazu.

In wenigen Stunden wurde sie die Klosterpforte durchschreiten und als normaler Mensch in ein normales Leben hinausgehen, nach dem sie einen unbändigen Hunger verspürte.

Text und Foto: G.B. 2009

Ausnahmezustand

„Hör mir zu“, flüsterte der Körper der Seele zu.

Die Seele war so mit sich und den anderen für sie wichtigen Dingen beschäftigt, dass sie das, was der Körper ihr mitteilen wollte, unwirsch zur Seite schob.

„Jetzt nicht, ich habe jetzt keine Zeit.“

Der Körper seufzte und zog sich deprimiert in seine eigenen Grenzen zurück. So konnte es doch nicht weitergehen.  Aber er kannte das schon. Gewisse Appelle landeten immer auf der Reservebank. Entweder sie verschwanden von alleine wieder oder sie plusterten sich in übernatürlicher Größe auf, dass auch der Blindeste sie nicht mehr ignorieren konnte.

Der Körper wachte und sandte in regelmäßigen Abständen seine kleinen, dezenten Erinnerungen aus. Im Ignorieren hatte sich die Seele geübt und sich ihre kleines Netz immer und immer wieder mit doppeltem Boden ausgelegt.

Und dann entschloss er sich zu einem direkten Angriff. Er setzte symbolisch ein kleines Insekt auf das linke Trommelfell und ließ es unüberhörbar und verzweifelt mit den Flügeln schlagen. Ein Giftpfeil traf die Halswirbelsäule und hinterließ seine Auswirkungen bis in die Schulterblätter

Die Seele schreckte auf. Was war das? Und plötzlich sah sie deutlich, was ihr der Körper seit Wochen signalisierte:

Sie wollte nichts mehr hören.

Sie hatte den Kopf im wahrsten Sinne zu voll.

Sie hatte sich regelrecht in ihrer Arbeit verbissen.

Die Schultern brachen unter der Last des Alltäglichen zusammen.

Und alles stimmte in den Chorgesang nach Ruhe ein.

PS: Mittlerweile hat sich der Herr von Tinnitus in ein wesentlich anders Pulsgeräusch verwandelt, nachdem ein akuter Hörsturz ausgeschlossen wurde.

Die Halswirbelsäule  und die Kiefergelenke kommen nach und nach durch professionelle Hände wieder in die Normallage.

Der Kopf wird langsam wieder frei.

Und alles andere – muss warten.

Manchmal ist es nötig, sich selbst wieder ganz wichtig zu nehmen.

 

In diesem Sinne,

passt gut auf euch auf und hört auf euren Körper.

Und macht euch keine Sorgen, ich habe alles im Griff.