Der Feriengast

Zufrieden blickte Anna sich in dem gemütlich eingerichteten Zimmer um. Das Bett war frisch bezogen, die zartgelben  luftigen Gardinen wehten im lauen Frühlingswind. Ein Strauß Tulpen und Narzissen aus dem Garten  verströmte seinen lieblichen Duft im gesamten Zimmer. Alles war für die Ankunft des neuen Gastes vorbereitet.

Nachdem Günter sie nach zehn Jahren wegen einer Jüngeren  verlassen hatte, brauchte sie lange, um aus diesem Loch wieder herauszukommen. Aber da es kein Mann wert ist, ewig um ihn zu trauern, nahm sie ihr Leben von Tag zu Tag energischer selbst in die Hand. Er hatte  sich eine Lebensversicherung auszahlen lassen, davon eine Segeljacht gekauft und wollte mit seiner neuen Flamme im zweiten Frühling die Welt umsegeln.

Anna hatte mit ihm in ihrem Elternhaus gelebt, im ‚Land der Tausend Seen’. Nachdem sie das obere Stockwerk zu einer Ferienwohnung hatte ausbauen lassen, denn die untere Etage reichte für sie völlig aus, lud sie auf einer eigenen Homepage Gäste zu einem Urlaub in der Mecklenburgischen Seenplatte ein. Sie war wählerisch und führte vorab einen intensiven E-Mail-Kontakt mit ihren Anwärtern. Sie nahm nicht jeden. Als allein stehende Frau, mit Mitte vierzig, wollte sie schon genau wissen, mit wem sie ihr Heim für eine gewisse Zeit teilte. Finanziell hatte sie es eigentlich nicht nötig. Sie hatte nach dem Tod ihrer pflegebedürftigen Eltern viel geerbt und von ihrem ersten verstorbenen Mann Erwin bekam sie eine gute Witwenrente. Ihren Beruf als Krankenschwester hatte sie kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes aufgegeben.
Günter war ein langjähriger Lebensabschnittsgefährte, dem sie genau die zwei Koffer, mit denen er einzog, zum Auszug vor die Tür gestellt hatte.

Ihre Feriengäste waren ausschließlich Männer, die sie ganz bewusst auswählte. Es ging ihr nicht um einen neuen Partner, sondern um ein bisschen Gesellschaft. Sie genoss es, für ihren Gast zu kochen und zu backen, mit ihm kulturelle Veranstaltungen zu besuchen oder abends bei einem Glas Rotwein ein interessantes Gespräch zu führen. Bisher hatte sie Glück mit ihren Gästen, es waren ausnahmslos nette Menschen, die ihren geistigen Horizont bereicherten und gerne wiederkamen.
Oliver  und Maja, ihre Kinder aus der Ehe mit Erwin, hatten ihre Mutter für verrückt erklärt und regelmäßig nach ihr geschaut, wenn sie einen Gast hatte. Aber Lotte, die wachsame Schäferhündin, ließ ihr Frauchen nur selten aus den Augen.

Anna saß auf ihrer Terrasse und las die Zeitung, als ein silberfarbener BMW vor ihrem Grundstück hielt. Das war er, der Chirurg aus Lübeck, der sich für drei Wochen bei ihr einquartieren wollte. Er bezeichnete sich selbst als Einzelgänger und hatte die Ferienwohnung mit Selbstverpflegung gebucht

Mit einem Koffer und einer Reisetasche, in dunkelblauen Jeans und weißem Polohemd, stand er kurz darauf vor dem Gartentor. Seine leicht angegrauten, welligen Haare bildeten einen angenehmen  Kontrast zu seinem sonnengebräunten Gesicht und seinen warmen, braunen Augen. Lotte betrachtete den Ankömmling erst skeptisch, dann  mit  wedelnder Rute und Anna atmete auf. Nach Lottes indirektem ‚Okay, den kannst du reinlassen’, öffnete Anna dem neuen Gast einladend das Gartentor.
„Hallo, ich bin Anna Scholz. Und Sie sind sicher Doktor Mertens“, begrüßte sie ihn mit einem charmanten Lächeln und reichte ihm die Hand.
„Peter Mertens, den Doktor lassen wir weg“, antwortete der Gast freundlich und drückte Annas Hand mit einem festen, warmen Händedruck.

Nachdem Peter Mertens seine Wohnung bezogen und von Anna zu einem Kaffee und einem Stück Käsekuchen überredet worden war, bekam sie ihn die nächsten drei Tage kaum zu Gesicht. Morgens ging er joggen, danach frühstückte und duschte er und meist verschwand er dann für den Rest des Tages. Abends, wenn sie bereits zu Bett gegangen war, hörte sie ihn, wie er unruhig in seinem Zimmer hin und her lief.                                                  Sie hatte ein feines Gespür und war überzeugt, dass ihm etwas auf der Seele brannte, etwas, das ihn in dieses abgelegene Ferienhaus getrieben hatte. Er bekam keine Anrufe und keine Post, niemand besuchte ihn.

Sie wusste kaum etwas von ihm und war ein wenig enttäuscht, dass dieser gut aussehende Mann so reserviert und fast ein wenig scheu war.
Als Peter Mertens an diesem Abend nach Hause kam, hatte sie gerade das Abendessen fertig.
„Wenn Sie Lust haben, dürfen Sie mir beim Essen gern Gesellschaft leisten. Es reicht auch für zwei“, begrüßte sie ihn, als er in den Hausflur trat.
Peter Mertens schaute sie überrascht an.
„Es riecht fantastisch“. Der Duft nach gebratener Forelle und Speckkartoffelsalat erfüllte den gesamten Flur. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.
„Sehr gerne, ich bin in fünf Minuten da“, antwortete er und nahm gleich zwei Treppenstufen auf einmal.

Annas Kochkünste überzeugten ihn so sehr, dass er seine Selbstverpflegung aufgab und sich von ihr zum Frühstück und zum Abendessen gern verwöhnen ließ.
„Haben Sie sich schon ein wenig erholt? In Ihrem Beruf haben Sie das sicher dringend nötig“, bemerkte sie eines Abends, als sie nach dem Essen gemeinsam einen Rotwein auf der Terrasse tranken. Sein Gesicht verfinsterte sich im Schein der Lampe, die die Terrasse in ein gemütliches Licht tauchte.
„Nein, leider nicht. Ich komme nicht zur Ruhe, so sehr ich mich auch darum bemühe.“
„Wenn Sie jemandem zum Reden brauchen, ich bin eine gute Zuhörerin.“

Peter Mertens goss beideGläser noch einmal voll und dann brach es aus ihm heraus. Anna hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie die Last der Schuld erfasste, die er seit Wochen mit sich herumtrug.

Er hatte auf dem Weg zur Klinik einen kleinen Jungen angefahren, der plötzlich zwischen zwei Autos herausschoss,  ohne dass er ihn vorher gesehen hatte. Er bremste sofort, aber der Junge lag halb unter seinem Auto. Peter Mertens fuhr in dem bald eintreffenden Krankenwagen mit, ordnete per Handy alle notwendigen Vorbereitungen für eine Notoperation an und war nicht davon abzubringen, den Jungen selbst zu operieren. Er war ein hervorragender Chirurg, der selbst in größten Krisensituationen die Ruhe bewahren konnte.
Der Junge hatte schwere innere Verletzungen. Die Operation dauerte mehrere Stunden und schien zunächst erfolgreich. Nach der Operation stellte sich Doktor Mertens der wartenden Polizei zur Vernehmung.
Als  er sich in sein Dienstzimmer zurückzog um ein wenig zu schlafen, piepte ihn die Intensivstation an. Wenig später erlag der Junge einer Hirnblutung.

Obwohl er wusste, dass er den Unfall nicht hätte verhindern können und auch alles Menschenmögliche bei der Operation getan hatte, fühlte er sich am Tod des Jungen schuldig. Er nahm unbefristeten Urlaub, solange alle notwendigen Untersuchungen  und Verfahren liefen.
Über eines war er sich in den Tagen seines Urlaubes jedoch klar geworden, er wollte nicht mehr als Chirurg arbeiten. Er konnte es nicht mehr. Und er wollte alles hinter sich lassen, seine Wohnung und seine Klinik in Lübeck und irgendwo ganz von vorne anfangen.

„Eigentlich habe ich immer gedacht, ich könnte ohne den Flair einer Großstadt nicht leben, aber seit ich hier bin, genieße ich die Natur wie nie zuvor. Vielleicht sollte ich mein neues Betätigungsfeld im ländlichen Raum suchen.“

Nachdem er seine quälende Last losgeworden war, wirkte er ruhiger und gefasster.
„Danke, dass Sie mir zugehört haben“. Er warf Anna einen langen, fast zärtlichen Blick zu und da es mittlerweile spät geworden war, verabschiedete sich bald darauf und ging in sein Zimmer.

Anna und Peter kamen sich im freundschaftlichen Sinn in den nächsten Tagen näher. Peter  ließ sich von Annas kulinarischen Künsten verwöhnen und gemeinsam sorgten sie dafür, dass diese Köstlickeiten keine dauerhaften Rückstande hinterließen.
Anna fand Freude am morgendlichen Joggen, dass von Lottes lautem Freudengebell begleitet wurde. Peter lernte durch Anna die Schönheiten der Landschaft rund um die Mecklenburgische Seenplatte kennen. Und abends saßen sie gemeinsam bei einer Flasche Rotwein auf der Terrasse, lasen oder unterhielten sich.

Manchmal erwischte sich Anna bei dem Gedanken, dass es ewig so weitergehen könnte. Sie mochte Peter sehr, aber eine gewisse scheue Distanz blieb zwischen ihnen bestehen, da konnte auch das vertrauliche DU nichts gegen ausrichten.

Eines Morgens hatte Anna wie rein zufällig eine Zeitung neben Peters Frühstücksteller gelegt. In einer Anzeige kündigte der Internist des Ortes an, dass er einen Nachfolger für seine Praxis suche, um in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Sie beobachtete Peter verstohlen und war sicher, dass er die Anzeige gelesen hatte.
Er verabschiedete sich nach dem Frühstück in einem hellen Leinenanzug und einem dezent gestreiften Hemd, was gar nicht nach seiner bisherigen Freizeitkleidung passte. Sie hoffte, dass er angebissen habe.

Als er am späten Nachmittag zurückkam, musste Anna sich sehr auf die Zunge beißen, um ihn nicht zu fragen, ob er in der Praxis war. Peter sagte nichts, aber er war für den Rest des Tages sehr nachdenklich und hüllte sich in konsequentes Schweigen.

Peters Urlaub war in drei Tagen vorbei.
„Hast du eigentlich nach mir einen neuen Gast?“
„Ich habe mich noch nicht entschieden, aber zwei Anwärter warten auf meine Antwort.“
Damit hatte Peter nicht gerechnet. Enttäuscht biss er in sein Marmeladenbrötchen.
„Kannst du mir die Wohnung freihalten? Ich werde sie wahrscheinlich noch eine ganze Weile brauchen“, setzte er zögern hinzu. “Natürlich nur, wenn du mich noch eine Weile ertragen möchtest.“
„Das kommt ganz darauf an, was du vorhast“, schmunzelte Anna.
„Ich werde morgen nach Lübeck zu einem wichtigen Termin in die Klinik fahren. Je nachdem, wie das Gespräch ausgeht, werde ich mich entscheiden, ob ich dort kündige und Doktor Heinrichs Praxis weiterführe oder nicht. Morgen Abend komme ich wieder und dann wissen wir beide mehr. Und wenn ich hier bleibe, brauche ich ja erst mal ein Dach über dem Kopf. Auf einer Behandlungsliege schläft es sich schlecht.“

„Du kannst die Wohnung so lange nutzen, wie du willst.“
Anna schaute ihm fest in die Augen. Peter hielt ihrem intensiven Blick stand. Ihre weibliche Intuition hatte ihr bereits verraten, wie er sich entscheiden würde.

©G.B. 2009

Advertisements

7 Kommentare

  1. Das wäre die ideale Geschichte für einen Sonntagabend-Film. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn es bei dieser Geschichte eine Fortsetzung gäbe…..wobei ich ja immer noch auf die Fortsetzung von „Claras kleines Familienunternehmen“ warte (besser noch ein dickes Buch darüber…….)
    LG Susanne

    Gefällt mir

Und was meinst Du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s