V – wie Vom Weg abgekommen

Er hatte es sich gerade unter einem bunten Laubhaufen gemütlich gemacht und die kleinen schwarzen Äuglein zufrieden geschlossen, als er von einem Geräusch, das immer lauter wurde, zusammenschreckte. Vorgewarnt, dass etwas Unbekanntes auf ihn zukommen würde, wappnete er sich und rollte sich zusammen.

Es raschelte um ihn herum, seine neue Behausung begann regelrecht davonzufliegen. Er schnupperte und blinzelte missmutig herum. Zwei Augenpaare, ein braunes und ein schwarzes, blickten ihn verwundert an.

„Geht eurer Wege und seid so gut und lasst mich schlafen.“

Die vier Augen ließen sich davon nicht beeindrucken und starrten diesen komischen Kauz neugierig an. Ehe er sich versah, wurde er von weichen Pfoten durch die Gegend gerollt.

„Hört auf, ich bin doch kein Ball!“

Die zwei Dackel, die sich wunderten, weshalb der gefundene Ball so stachelig war, ließen sich nicht beirren und rollten den Igel mit vereinten Kräften nachhause. Sie liebten Bälle und glaubten fest daran, eine weiche Stelle zu finden, um mit ihm spielen zu können.

Das aufgeregte Kläffen der Hunde dröhnte dem Igel in den Ohren und lockte das Hundeherrchen nach draußen. Dem Igel war schon ganz übel von der Herumkullerei und so sehr er sich auch bemühte, seine Stacheln drohend aufwärtszustellen, er konnte die Hunde damit nicht abschrecken.

„Autsch!“, schrie der Igel, als er unsanft landete. Jemand hatte ihn vorsichtig hoch gehoben und in ein weißes Behältnis gesetzt. Aber niemand schubste ihn weiter herum. Nur das aufgeregte Kläffen der Hunde war noch zu hören.

Der Igel stellte sich weiterhin tot und wartete ab.

Nach einer Weile wurde er neugierig und lugte mit seinem kleinen Köpfchen hervor. Um ihn herum war alles weiß und glatt. Er wollte davonlaufen und wieder unter seinen Laubhaufen, der so verführerisch roch und weich und trocken war.

Er versuchte alles, aber es schien kein Entkommen zu geben. Überall rutschte er ab und plumpste in das Behältnis  zurück.

„So ein Mist!“, schimpfte der Igel vor sich hin.  Jeder Mensch weiß, dass Igel um diese Jahreszeit ihren Winterschlaf beginnen. Und jetzt hielt man ihn hier gefangen, in einem kalten Blumentopf, ohne Nahrung und ohne Schutz. Er begann zu weinen, denn wenn er hier gefangen gehalten bliebe, würde er nicht überleben.

Plötzlich nahm ihn jemand vorsichtig in die Hand und setzte ihn auf eine dicke Schicht feuchter Blätter in einem großen dunklen Kasten.

Dankbar rollte sich der Igel wieder ein. Über sich hörte er das aufgeregte Schnaufen eines Hundes. Aber was war das? Jemand trug ihn mit seinem neuen Haus weg und die Verzweiflung überkam ihn erneut.

Als sein winziges Näschen den Geruch der Hände, die ihn umfassten, erkannte, seufzte er vor Glück. Diese Hände hatten ihn erst vor wenigen Tagen in ein lauschiges Winterquartier gebracht, von dem aus er leichten Zugang zu einem Hundenapf mit einem leckeren Fresschen hatte.

Und schlagartig wurde ihm klar, was passiert war.

In der letzten Nacht hatte er sich von seinen Verwandten verabschiedet und war auf dem Nachhauseweg im falschen Garten gelandet.

Aber nun war er wieder da, wo er hingehörte und einem langen erholsamen Schlaf schien nichts mehr im Wege zu stehen.

 (Die Geschichte  passierte live  in  unserem Garten)

c/ G.B. 2010

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