P – wie Pechvogel

Glaubte sie den verschiedenen Jahreshoroskopen, so würde es in diesem Jahr für sie nur bergab gehen. In Punkto Liebe, Finanzen und Gesundheit waren keine Höhenflüge zu erwarten, nicht einmal ein Mittelmaß, sondern eher Ebbe auf der ganzen Linie.
Nicht, dass sie an Horoskope glaubte, sie las sie regelmäßig und machte sich eigentlich keine weiteren Gedanken darüber. Bisher jedenfalls nicht. Sie faltete die Tageszeitung umständlich zusammen und reichte sie ihrer Nachbarin zurück.
‚Heute werden Sie einen überraschenden Besuch bekommen, der ein Lächeln auf Ihre Lippen zaubern wird’. So ein Blödsinn, wer sollte sie besuchen? Wieder voll daneben.
Mühsam drehte sie sich auf die Seite und versuchte zu schlafen.
Das neue Jahr war erst wenige Wochen alt und sie konnte tatsächlich nichts Positives für sich verbuchen.

Kurz vor Jahresende war sie, frisch und glücklich geschieden, in ihre neue Wohnung eingezogen. Sie hatte bewusst alle Brücken zu ihrem alten Leben abgebrochen.
Daniel hatte bei der Scheidung sehr tief in die Tasche fassen müssen. Die Hälfte des Hauswertes hatte er ihr ausbezahlt, so dass sie sich eine gemütliche Eigentumswohnung einrichten konnte. Als erfolgreiche Schriftstellerin konnte sie überall arbeiten. Die Domstadt hatte sie schon in ihrer Studienzeit begeistert und ihr sofort unzählige Inspirationen für einen neuen Roman geliefert. Zu Weihnachten und zum Jahreswechsel hatte sie sich sehr einsam gefühlt. Ihre Eltern lebten nicht mehr, zu Daniel und seiner Familie wollte sie keinen weiteren Kontakt, und gemeinsame Kinder waren ihnen nicht vergönnt gewesen.
Das, was sie in diesen Tagen geschrieben hatte, war auf ihrem PC längst wieder gelöscht. Ihre melancholische Stimmung an den Feiertagen passte so gar nicht zu ihrem sonst so heiteren Roman. Sie begab sich auf die Suche nach Bekannten aus ihrer Studienzeit, fand auch den einen oder anderen im Telefonbuch wieder. Aber an den Feiertagen wollte sie nirgendwo hineinplatzen.
So verging der Januar.
Eine neue Liebe war Galaxien entfernt. Nicht nur, dass es niemanden gab, über den es sich lohnte nachzudenken, sie hatte nach zehn Jahren Ehe die Nase von Männern gestrichen voll und genoss zum ersten Mal im Leben ihr Dasein als Single. Daniel hatte sich immer um ihre gemeinsamen Finanzen gekümmert. Sie hatte nie finanzielle Sorgen gekannt. Ihre Romane verkauften sich gut. Unerfahren wie sie war, hatte sie viel Geld in Aktien angelegt, von denen kaum noch etwas übrig geblieben war. Ihr nächster Roman durfte kein Flop werden, wenn sie ihren gewohnten Lebensstandard beibehalten wollte. Was ihre Gesundheit anbetraf, zählte sie zu denen, die nie ernsthaft krank waren. Hin und wieder mal ein kleiner grippaler Infekt, das war alles.

Bis zum Beginn der Woche. Sie konnte sich kaum noch daran erinnern, wie es passiert war.
Sie überquerte als Fußgängerin die Straße bei grün. Ein Motorradfahrer hatte sie beim Abbiegen erwischt und mitgerissen. Und nun lag sie hier im Krankenhaus, mit einer Gehirnerschütterung, mehreren Rippenprellungen und einer Unterschenkelfraktur. Der Bruch war operiert worden, es ging ihr den Umständen entsprechend gut, aber je mehr sie über ihr Jahreshoroskop nachdachte, desto unwohler fühlte sie sich. Da schien doch was dran zu sein. Sie kannte niemanden in Köln. Wie nachteilig das war, kam ihr gerade jetzt zu Bewusstsein.
Bekleidet mit einem weißen Krankenhaushemd, lag sie blass in ihrem weißen Bett. Sie hatte nichts Privates hier, nicht mal eine eigene Zahnbürste. Die wenigen Mitbewohner in ihrem Haus hatte sie ein oder zwei Mal flüchtig im Treppenhaus gesehen und sich bei der Gelegenheit kurz vorgestellt. Aber ohne Namen und Telefonnummern konnte sie niemanden erreichen und bitten, ihr etwas aus der Wohnung zu bringen. Sie hatte lediglich ihre Geldbörse, eine Brieftasche, einen Kamm, die Lesebrille und ein Päckchen Kaugummi in der Handtasche. Wenn man nur kurz etwas einkaufen will, schleppt man  nicht den halben Haushalt mit. Ihr Handy hing zu Hause am Aufladekabel.
Sie konnte sich im Krankenhaus ausweisen und belegen, dass sie eine Krankenversicherung hatte, mehr nicht.
Je mehr sie darüber nachdachte, desto wuchtiger kam die nächste Problemwelle auf sie zugerollt. Sie würde nicht ewig im Krankenhaus bleiben, aber sicher eine ganze Weile brauchen, um wieder laufen zu können. Ihre Wohnung lag in der dritten Etage, war hell und sonnig und hatte eine große Dachterrasse. Das Haus jedoch hatte keinen Fahrstuhl.
Wie sollte sie mit Krücken einkaufen und ihre Lebensmittel in den dritten Stock tragen? Das heulende Elend überkam sie, und sie vergrub sich noch mehr in ihre Kissen. Das Mittagessen rührte sie nicht an. Sie zog sich die Decke über den Kopf und hoffte inständig, dass der Tag bald vorüber sei. Ihre Nachbarin bekam jeden Mittag von ihren Kindern und Enkeln Besuch. Ein bis zwei Stunden glich das Krankenzimmer einem Kinderspielplatz. Die Erwachsenen unterhielten sich lautstark, da die Bettnachbarin schwerhörig war, und die Kinder untersuchten, ob im Zimmer alles niet- und nagelfest war. Mit einem gebrochenen Bein konnte die Nachbarin das Bett ebenso wenig verlassen wie sie. Zum ersten Mal bereute sie bitterlich, dass sie so weit von ihrem Heimatort weggezogen war.
So leer und lieblos ihre Ehe mit Daniel in den letzten Jahren auch war, er hätte ihr wenigstens ihre Sachen gebracht und sie besucht. ‚Selbst schuld’, schalt sie sich innerlich. Nachdem der Besuch am Nachbarbett sich endlich verabschiedet hatte, fiel sie in einen kurzen unruhigen Schlaf.

Sie schrak zusammen, als sie jemand sachte an der Schulter berührte und ihren Namen sagte.
„Sylvie, bist du das wirklich?“
Sie hob den Kopf und starrte eine brünette Frau, etwa Ende dreißig, in die graugrünen Augen.
„Franziska?“, fragte Sylvie unsicher. „Was machst du denn hier?“ Sie konnte es nicht fassen, dass tatsächlich jemand an ihrem Bett stand und sie besuchte.
„Wieso bist du hier?“
„Ich wollte dich besuchen und sehen, was passiert ist.“
„Aber woher weißt du…?“
„Ich habe in der Zeitung von dem Unfall gelesen. Und da es sicher wenige Autorinnen mit dem Namen Sylvie P. gibt, habe ich befürchtet, beziehungsweise gehofft, dass du es bist. Und da ich neugierig war, bin ich hergekommen.“
Sylvie suchte nach Worten. Dieses unerwartete Wiedersehen mit ihrer Studienfreundin Franziska hatte sich sprachlos gemacht. Sie fing vor Freude an zu weinen.
Franziska und sie hatten nach dem gemeinsamen Studium und Sylvies Umzug nach Rostock noch eine Weile telefonischen Kontakt, der aber irgendwann, bedingt durch die Entfernung,  einschlief.
Nun stand Franziska vor ihrem Bett. Es war wie ein Wunder. Sie hatten sich so viel zu erzählen, dass der Nachmittag wie im Flug verging.
Zum Abendessen verabschiedete sich Franziska mit Sylvies Hausschlüssel und einer Liste mit privaten Dingen, die sie ihr am nächsten Vormittag aus ihrer Wohnung bringen wollte.

Sylvie konnte das Krankenhaus nach einiger Zeit mit zwei Krücken verlassen und zog zu Franziska, bis sie soweit wieder hergestellt war, um sich alleine versorgen zu können. Sie hatte bereits Wurzeln geschlagen und sah ihrem neuen Leben in Köln optimistisch entgegen.

c/ G.B. 2010

 

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19 Kommentare

  1. Am Anfang dachte ich vollkommen Klischeehaft, dass es ein Mann ist, der in ihr Leben tritt.
    Was für seltsame Wege das Leben gehen kann, habe ich ja jetzt selbst durch das Finden meines Bruders erfahren. Und ich genieße jeden Gedanken an ihn.

    Deine Geschichte zeigt, dass man nie aufgeben und sich in ein scheinbar schon besiegeltes Schicksal ergeben sollte. Das ist eine tolle Mut – mach – Geschichte!

    Hab einen schönen Abend! Ich freue mich schon auf den heutigen Film auf Sat1.

    Winke und liebs Grüßle. Mandy

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      • Der erste Teil war meiner Ansicht nach viel, viel besser. Kennst du diesen 1. Teil auch?
        Auf einer Seite habe ich gelesen, dass bei dieser Geschichte das Buch besser sein soll. Leider kann ich dir diese Frage auch noch nicht beantworten, denn im Moment hapert es bei mir mit dem Lesen und das Buch liegt immer noch wie die Jungfrau im Schrank. Alles gut bei dir?

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        • Warum hast du dich im Spam versteckt 😯 ?

          Ja, ich habe beide Teile gesehen und auch beide Bücher gelesen, das Lesen liegt allerdings schon Jahre zurück. Der zweite Teil hat mir im Gegensatz zum ersten auch nicht so gut gefallen, es war mir zuviel Gemetzel. Ich werde aber die Bücher noch mal lesen – in den Sommerferien. Momentan frisst mich die Schule etwas auf. Ich meine auch, dass der Film im zweiten Teil mehr vom Buch abweicht, als der erste (zumindest habe ich das so in Erinnerung).

          Liebe Grüße und gute Nacht. Ich komme gerade vom Elternabend und bin platt wie eine Flunder.
          Anna-Lena

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