I – In letzter Sekunde

Heute war der Tag, an dem sich ihr Leben ändern würde. Nur, in welche Richtung?

Gedankenverloren saß sie auf der Terrasse, drehte die zarte gelbe Blüte zwischen ihren feuchten Fingern und begann, wie automatisch, die leuchtenden Blätter abzuzupfen, so wie sie es als Kind mit kleinen weißen Gänseblümchen gemacht hatte.

‚er liebt mich – er liebt mich nicht’

‚er kommt – er kommt nicht’

‚ich mache Schluss – ich mache nicht Schluss’

Vor ihrem inneren Auge liefen die letzten zwei Jahre wie im Film ab. Der blendend aussehende Mann, der plötzlich und unerwartet in ihr Leben gestolpert war und sie nicht mehr aus seinem Bann ließ.

Sie liebten und sie hassten sich, suchten verzweifelt die Nähe des anderen und flüchteten in die Distanz. Zwei lange Jahre, in denen sie die zweite Geige in seinem Orchester gespielt hatte, geduldig und ohne Forderungen, zufrieden mit dem, was sie von ihm bekam.

Wie oft hatte er ihr beteuert, mit seiner Frau zu reden, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen war. Irgendwann hatte sie den Spieß herumgedreht und ihm ein Ultimatum gesetzt. Heute Abend lief es ab.

Er hatte es ihr versprochen, an diesem Abend zu ihr zu kommen. In den letzten Tagen hatte sie mit viel Liebe ihre schmucke Wohnung so umgestaltet, dass sie Platz für zwei bot. Alles war bereit, er brauchte nur noch mit seinen Sachen vor ihrer Tür stehen und bei ihr einziehen.

Wie sehr hatte sie sich nach diesem Augenblick gesehnt, ihn ganz für sich zu haben.

Dunkle Schatten mischten sich plötzlich in die leuchtenden Bilder der Vergangenheit.

Wie oft hatte sie auf ihn gewartet, wenn er kommen wollte und ohne ein Lebenszeichen wegblieb. Sie könnte die Entschuldigungen am nächsten Tag nicht mehr hören – er kam nicht weg, das Kind war krank, sie hatten einen Termin, den er vergessen hatte.

Die starrte auf das letzte Blütenblatt. Ihr Wortreigen stockte – er liebt mich nicht – er kommt nicht – ich mache Schluss.

Das war die nackte Wahrheit. Selbst, wenn er käme, welche Garantie hatte sie, dass er nicht zu seiner Frau zurückkehrte? Ihre Waffen waren nicht zu unterschätzen. Eine lange Ehe, ein schönes Haus, ein gemeinsames Kind und ein gesellschaftliches Ansehen, in dessen Schatten er sich sonnen konnte.

Zum Teufel mit diesem verheirateten, unentschlossenen, unzuverlässigen Beziehungsangsthasen, der sich das nimmt, was er will, so wie es ihm bequem ist.

Soll er sich seine kalten Beziehungsfüße weiterhin bei seiner Ehefrau wärmen lassen oder Frostbeulen bekommen.

Mit tränennassen Augen warf sie die blattlose Blüte in den Müll und begann, ihre Wohnung umzuräumen. Es sollte ihre Puppenstube bleiben, nur für sie.

© G.B. 2009

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23 Kommentare

  1. Eine Geschichte, eine Erzählung, wie sie Tag für Tag passiert. Ich selbst könnte mir nicht vorstellen, Geliebte zu sein und immer wieder den Schwüren und Beteuerungen eines Mannes Glauben zu schenken. Allerdings war ich noch nicht in so einer Situation. Wer weiß schon, wie es in einem solchen Menschenkind aussieht, die sich immer wieder an die Hoffnung wie an einen letzten Strohhalm festhält? In unserer Gesellschaft wird meiner Meinung nach zu schnell eine Wertung abgegeben…wie: „man mischt sich auch nicht in eine Ehe“ ein oder „das hätte sie im Vorfeld wissen müssen“…

    Den Schritt der Trennung zu gehen, ist wohl immer die beste Konsequenz, wohl aber die Schwerste.

    Sehr nachdenklich machende Zeilen von dir. Ich grüße dich, liebe Anna-Lena.

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  2. Und ich kann einfach nur hoffen und wünschen und ihr die Daumen drücken, dass sie bei dieser Meinung bleibt und ihm die Tür vor der Nase zuknallt, wenn er dort mit seinem Koffer steht. – Wenn er das Scheidungsurteil durch die Tür reicht, dann war es ernst – sonst nur Plänkelei.
    Das denkt Clara

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  3. Immer diese Liebschaften der gelangweilten Ehemänner. Bitte ein wenig Abwechslung – aber bitte ohne Konsequenzen. Natürlich!
    Die jungen Damen sind die Dummen. Sie glaubten, was er manchmal wünschte.
    Muss schon bescheiden sein für eine junge Dame. Sie verschenkt ihr Herz und was bekommt sie dafür? Nothing.

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  4. Mir tun die Damen immer leid, die auf solche merkwürdigen Männer reinfallen. Besser als du es hier gemacht hast, kann man es gar nicht schildern. Sollte man jeder Frau, die einen solchen Mann mit durchs Leben trägt, zum Lesen geben. Das würde manches Auge öffnen!

    Liebe Grüße, Brigitte

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  5. @all:

    Danke für eure Meinungen zu diesem Thema.

    Ich denke schon, dass man sehr schnell in eine solche Kiste rutschen kann, wenn man die rosarote Brille aufgesetzt hat. Der Konflikt zwischen Verstand und Gefühl sollte daher bald gelöst werden. Bei manchen siegt der Verstand recht schnell, wenn man begreift, dass man die/der Leidtragende ist, bei anderen hat der Leidensdruck eine ganz lange Leine.

    Mich würde mal interessieren, wie viele Männer auf verheiratete Frauen hereinfallen, denn es sieht immer so aus, als ob die Frauen auf die Männer reinfallen :mrgreen:

    Nun, ich sage immer:
    Appetit holen darf man sich überall,
    gegessen wird zu Hause 🙂

    Habt einen schönen Abend 😉
    Anna-Lena

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  6. natürlich kann man schnell in eine solche Kiste abrutschen. Liebe bringt alles zustande und oft auch Unvorstellbares. Es ist nicht immer so,als wäre eine Lage aussichtslos. Oftmals werden die Karten neu gemischt und es stellt sich heraus,daß sich Warten oder geduldiges Bleiben gelohnt hat. Jede „Kiste“ sieht anders aus. Schwierige Geschichten sind es immer, aber manchmal gibt es zwischen den vielen auch die, die Leben tatsächlich verändern.
    In Deiner Geschichte, meine liebe Anna-Lena, da siegt die Resignation und die Vernunft, aber manchmal, da gibt es eben auch Wunder und an Wunder, da möchten wir doch alle so gerne glauben.
    Denn gläubig sind wir doch eigentlich alle, oder etwa nicht?
    Einen lieben Gruß in die frische Nacht von Bruni, einer Frau, die immer noch an Wunder glaubt – mit jedem Tag und in jeder Nacht

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  7. Liebe Anna-Lena,
    ich persönlich kenne keinen Mann, der Geliebter einer verheirateten Frau ist, aber das soll es ja auch geben.
    Als ich meine große Liebe traf, war selbige verheiratet. Ich habe beinahe ein Jahr mit mir „gerungen“, dann habe ich ja gesagt.
    Heute ist er wieder verheiratet, aber mit einer ganz anderen 😉
    Liebe Grüße von Dori

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  8. Eine sehr schön beschriebene Situation, in die man sich auch gut hineinversetzen kann, vielen Dank!

    Da stellt man sich die Frage, warum wird man Geliebte? Es gibt mehr weibliche als männliche Geliebte – oder kennt Ihr einen männlichen Geliebten, der sich diesen Zustand über einen längeren Zeitraum antut? Das liegt wohl daran, dass Männer in der Regel am Ende des Tages etwas für ihre Investition zurück haben wollen. Frauen sind emotional freigiebiger und können länger Kränkungen aushalten.

    Für die Frauen, die unter dem Geliebten-Dasein leiden, stellt sich die Frage, ob es sich lohnt für das Objekt ihrer Begierde zu kämpfen. Vorher sollten sie sich selbst die ehrliche Frage stellen, ob sie wirklich von der zweiten Geige zur ersten wechseln möchten? Bei allem Kampf, kann es natürlich auch so ausgehen, dass keine von beiden gewinnt. Der Alptraum per se! Alle Kräfte und Energie für einen Mann verschwendet, der sich letzten Endes eine andere sucht. Ehefrau und Geliebte schauen gemeinsam in die Röhre.

    Wer hat denn nun die besseren Karten, die Ehefrau oder die Geliebte? Die Statistik sagt: Nur einer von 10 Männern trennt sich für die Geliebte von Frau und Kindern. Und das nach spätestens 3 Monaten. Wer länger zaudert, trennt sich nie. Nun ja, das ist das Los. Ehefrauen wissen das. Geliebte auch.

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