Die flotte Feder – Juli

„Ihr Geburtstag mit der berüchtigten Null rückte immer näher…“ Charlotte wurde ganz übel, wenn sie darüber nachdachte. Wer hatte das nur erfunden, jedes Jahr Geburtstag zu feiern? Hatte sie jemand gefragt, ob sie geboren werden wollte? Nein, sie musste hinaus ins Leben und sehen, wie sie damit klar kam.

Als Kind fand sie Geburtstage des Feierns wert. Ihre Eltern gaben sich immer die allergrößte Mühe, ihren Geburtstag zu einem fröhlichen Fest werden zu lassen. Bunte Lampions und Luftballons schmückten den Garten und unbeschwertes Kinderlachen zu Windbeuteln, Schaumküssen und grünem Wackelpudding ließ das Herz der Erwachsenen, die dem regen Kindertreiben zusahen, schneller schlagen.

In der Pubertät tat sie es ihren Freundinnen gleich. Modische Klamotten, ein wenig Schminke dann und wann, immer darauf bedacht, ein wenig älter auszusehen, als man eigentlich war, um bei den Jungen einen attraktiven  Eindruck zu hinterlassen.

Der Moment der Volljährigkeit war der erste große Meilenstein auf dem Weg ins Erwachsenenalter. Mit einem lobenswerten Abitur in der Tasche, dem Führerschein und dem ersten eigenen Auto schien die große Welt für Charlotte offen. Ihr Traumberuf, eine Ausbildung zur Journalistin, führte sie ans Ziel ihrer vorläufigen Träume.

Nur eines blieb dauerhaft ein wenig  auf der Strecke, die Liebe.

Charlotte war auffallend hübsch. Ihr ebenmäßig geschnittenes Gesicht wurde von dunklen Locken umrahmt, die hellblauen Augen, ein wahrer Spiegel ihrer Seele, leuchteten, und um die fein geschwungenen Lippen reihten sich zahlreiche kleine Lachfältchen.

An ihrem schlanken Körper gab es nicht das Geringste auszusetzen, die Proportionen waren so ausgewogen, dass auch so manche Frau einen Blick riskierte, nicht ganz ohne Neid.

Nicht, dass Charlotte keine Chancen gehabt hätte – ganz im Gegenteil. Sie hatte es nicht eilig mit dem Heiraten und schon gar nicht mit dem Kinderkriegen.

Sie erklomm die Karriereleiter rasend schnell, verbrachte immer wieder eine mehr oder weniger lange Zeit im Ausland, der eine oder andere Lebensabschnittsgefährte zog mit, blieb oder brach zwischendurch seine Zelte wieder ab und führ nach Hause.

Mit Mitte dreißig hatte Charlotte die Welt bereist und während in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis das eine oder andere Pärchen vor den Traualtar trat oder  stolz die Geburt des ersten oder zweiten Kindes  verkündete, begann es schleichend,  in Charlottes Leben einsam zu werden.

Mit dreiunddreißig machte sich ihre biologische Uhr deutlich bemerkbar und Charlotte konnte ihr Ticken nicht länger überhören.

Es zog sie nach Deutschland zurück. Mit ihrer Erfahrung und ihrem know-how gründete sie einen eigenen Verlag und vertrieb eine anspruchsvolle Frauenzeitschrift. Das erforderte in den Anfangsjahren  harte Arbeit.

So war Charlottes Lebensuhr unaufhaltsam weiter fortgeschritten.

Sie saß, nach einem langen Arbeitstag,  auf der Terrasse ihrer Penthouse-Wohnung. Ein leichter warmer Sommerwind bewegte sich  über  Hamburg. Versonnen drehte Charlotte ihr halb volles Rotweinglas zwischen beiden Händen hin und her. Sie fühlte eine Leere in sich, wie sie es nie zuvor erlebt hatte.

Noch eine Woche und sie war vierzig. Plötzlich fühlte sie sich alt und unsäglich müde. Sie hatte alles erreicht, was eine Frau beruflich erreichen konnte und doch wurde ihr in diesem Moment schmerzlich bewusst, dass sie niemanden hatte, an den sie sich anlehnen konnte, bei dem sie nicht immer die starke, unerschütterliche Powerfrau sein musste, der ihr die salzigen Tränen vom heißen Gesicht küsste und der sie so nahm wie sie war.

Ihre geschmackvoll eingerichtete Wohnung mit den warmen Farben erschien ihr auf einmal kalt und steril. Keine Katze strich um ihre Beine und kuschelte sich nachts neben sie, kein Hund stand mit wedelndem Schwanz vor ihr, um ihr zu signalisieren, dass er mit ihr spazieren gehen wollte. Und von einem hellen Kinderlachen konnte sie nur träumen.

Ihr war so elend zumute, dass sie ihre Tränen nicht länger zurück halten konnte. Auf einmal fühlte sich Charlotte wie ein Tiger im Käfig. Der Geburtstag lag ihr schwer im Magen. Finanziell war es kein Problem, ein rauschendes Fest zu organisieren und all ihre Freunde einzuladen. Aber sie wollte nicht feiern und sie würde schon gar nicht die verliebten Blicke anderer Paare ertragen oder die neuesten Anekdoten ihrer Kinder hören wollen, die ersten Zähne von Maya, der Kindergartenfreund von Josefine, der immer so grob zu ihr war, die neue Schürfwunde, die sich Max beim Fußballtraining zugezogen hatte.

Ihr kam der Gedanke, all dem zu entgehen und zu verreisen. Und wenn sie an ihrem vierzigsten Geburtstag irgendwo in der Karibik ganz allein ihren Kummer mit Bacardi ertränken würde, auch das war ihre Sache.

Bei ihrem letzten Karibik-Urlaub vor zwei Jahren hatte sie dort einen Mann kennen gelernt, der nicht nur blendend aussah, sondern alle Eigenschaften in sich vereinte, die sie sich von ihrem Traummann wünschen würde. Sie hatten eine wunderbare Zeit miteinander verbracht. Doch Charlottes Glück wurde arg getrübt, sie hatten nur in einer Nacht etwas miteinander. Peter, ein Hamburger Geschäftsmann, der schon lange dort lebte, leitete eine Hotelkette und war schwul. Das Erlebnis der einen Nacht hatte Charlotte dem Sonnenuntergang am Strand und dem Alkohol zu verdanken, doch von dieser Nacht zehrte sie lange.

Charlotte hatte bereits eine Flasche Rotwein geleert und wusste, für das, was ihr als Geistesblitz plötzlich einfiel, musste sie sich Mut antrinken.

Sie öffnete eine neue Flasche und suchte nach Peters Telefonnummer. Mit zitternden Fingern tippte sie seine Nummer ein. Er meldete sich völlig verschlafen. An die Zeitverschiebung hatte sie natürlich nicht gedacht.

Aber Peter war sofort munter, als er ihre Stimme hörte. Sie plauderten eine Weile angeregt miteinander. Ein Zimmer in seinem Hotel zu bekommen, war kein Problem. Einen Flug zu buchen würde sicher auch keines werden, dafür würde sie Umsummen bezahlen.

Nach diesem Gespräch lehnte sich Charlotte zufrieden in ihrem Terrassenstuhl zurück. Auf in die Karibik – das war die beste Lösung zu diesem entsetzlichen Geburtstag.

Bei Peter konnte sie sich ausweinen, er würde sie in seine starken Arme nehmen und sie trösten, wenn es nötig wäre.

Aber Charlotte hatte tief in ihrem Hinterkopf ein ganz anderes Ziel.

Peter war der Mann, von dem sie gern ein Kind hätte, selbst, wenn er als Mann für sie  ewig unerreichbar bleiben würde. Vielleicht schaffte sie es aber, sich mit Peter ein eigenes, lebenslanges Geschenk zu machen, das ihrem Leben einen tieferen Sinn gab.

 

© G.B. 7/2011

 Mein Beitrag zu follygirls Schreibprojekt

 

 

 

23 Kommentare

  1. Pingback: Back again « Anna-Lenas Lesestübchen

  2. Tja, das ist das große Problem, das wohl so einige haben. Da bin ich sicher.
    Dies ist der Zahn der Zeit, der nagt und nagt, der unzufrieden macht, der zermürben kann.
    Frauen und Karriere ist eben doch nicht so leicht und selbstverständlich, wie es sein sollte…..

    Toll geschrieben, liebe Anna-Lena

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  3. Immer dieses Entweder – Oder – und wie’s innen drin ausschaut, geht niemanden etwas an.

    Wunderbar und sehr treffend hast du das beschrieben und in manchem habe ich mich schmerzhaft an die eigene Nase gefasst. Das ist das beste, was einem Text passieren kann, nämlich, wenn der Leser sich selbst in einigen Worten, Sätzen, Passagen erkennt.

    Mes compliments, Madame

    Liebe Grüße
    Elke

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  4. Hallo – na, du hängst ja die Latte der (erreichbaren) Ziele für diesen Urlaub ganz schön hoch. Ist es fair, einem Kind von vornherein mehr oder weniger den Vater zu entziehen (andere sexuelle Präferenzen, weit weg), nur weil sie sich einsam fühlt und meint, unbedingt ein Kind haben zu müssen.
    Ob sie ihn auch ohne Alkohol und mit offenen Karten dazu überreden kann, der Vater ihres Kindes zu werden?
    Aber sehr spannend zu lesen – wie im echten Leben!
    LG von Clara

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  5. Welch aufwühlende Geschichte! Ich kann es einerseits verstehen und lehne es andererseits total ab. Ab und zu ist mir zwischendurch in den Jahren auch der Gedanke gekommen, habe es aber immer verworfen, weil ein Kind eben keine ego-Wunscherfüllung ist/sein sollte…

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